Wer hätte das gedacht…
23. November, 2008
Einige Ratschläge für Misanthropen, die die komplette soziale Abkoppelung von ihren Mitmenschen erreichen wollen:
-Bleiben Sie zu Hause wenn es regnet.
-Überqueren Sie den Fussgängerstreifen auch bei grün nicht.
-Verständigen Sie sich nie in einer andern Sprache als Schweizerdeutsch.
-Kaufen Sie Billette nur am Automaten.
-Gehen Sie zu Randzeiten ins Restaurant (oder nie).
- Machen Sie im November auf Mallorca Ferien.
-Nehmen Sie Anrufe nur auf dem Festnetz entegegen.
-Davon nur jeden dritten.
-Entsorgen Sie deshalb Ihr Mobiltelefon.
-Rufen Sie nur automatisierte Info-Hotlines an.
-Wechseln Sie heimlich Ihre Emailadresse.
Einige Ratschläge für Kontaktsüchtige, um Ihre Sucht zu bekämpfen (mit demselben Resultat wie oben).
-Begrüssen Sie jeden Passanten auf der Strasse und geben Sie ihm die Hand.
-Verwickeln Sie die Kassierin im Bahnhofmigros am Freitagabend um 19 Uhr in ein langes Gespräch.
- Setzen Sie sich im Restaurant unaufgefordert zu einem Pärchen an den Tisch.
-Helfen Sie einem Verkehrspolizisten beim Regeln des Verkehrs.
-Stellen Sie sich im Zug allen Passagieren mit Namen vor und fragen sie nach deren Befindlichkeit.
-Pumpen Sie Ihre Arbeitskollegen jeden Tag um Geld für den Pausenkaffee an.
-Demjenigen, der Ihnen dafür Geld gibt, schlagen Sie vor, ob er als nächstes mit Ihnen im November nach Mallorca verreisen möchte.
Schimpfen!
19. November, 2008
Apfelmusesser!
Tramfahrer!
Youtubegucker!
Poloshirtträger!
Ethnologiestudent!
Pulswärmer!
Teetrinker!
Facebook-User!
Sonntags-Laubrecher!
Zahnseidehygieniker!
Beim-Kochen-für-ein-paar-Tropfen-Zitronensaft-Eppendorf-Pipetten-Benutzer!
Leserbriefschreiber!
TV-Serien-Suchti!
Harry-Potter-Leser!
Feuchttüchlineurotiker!
Taglichtfahrer!
Billette-am-Automaten-Löser!
Reisebürokunde!
Hosenanpropbierer!
Sinfoniekonzertbesucher!
Frauenversteher!
Mit-der-Freundin-ins-Kino-einen-Liebesfilm-schauen-Geher!
Verfalldatumleser!
Langläufer!
Stirnbandträger!
ohne titel
15. Oktober, 2008
Lyrik, hausgemacht.
15. März, 2008
Es sagte sich der Veteran:
„Heut’ schau ich mir das Wetter an“.
Doch er verkannte, dass sein fetter Ahn
aus blinder Wut die Wetterfahn’
erschlug und machte Bretter ran.
oder:
Das Pferd schwamm auf dem Fahrrad flussaufwärts, es trabte ganz nass, nässer als die Glungge unter einer ausgepressten Kartoffel, sich stetig
trocknend mit Schnauben und Schweif, doch entwich die Nüsternluft als Bläschen im Wasser und der Schweif war mit Charesalbi verschmiert.
Was man alles sollte
27. Februar, 2008
Gehen Sie auf Stelzen spazieren! Sprechen Sie einen Satz Russisch mit St. Galler Akzent, sehen Sie die Dinge andersrum, erdulden Sie mittägliche Kopfschmerzen, gehen Sie einen heben und lassen Sie ihn nicht mehr hinunter, atmen Sie in Luv und machen Sie in Lee was Sie wollen, zählen Sie Erbsen in einer Tiefkühlgemüsepackung, fragen Sie sich warum, muntern Sie deprimierte Hunde auf, kümmern Sie sich um jeden Dreck, schreiben Sie eine SMS rückwärts, verschicken Sie Brieftauben per Post, bringen Sie ihrem Hamster kleinkariertes Verhalten bei, verlängern Sie ihre 5 Minuten in denen auch Sie mal prominent sind auf 6, setzen Sie Quietschentchen in der Wildnis aus, versuchen Sie sich mal mit Judo, geben Sie einen Tag lang kein Geld aus, jagen Sie eine Cervelatwurst zum Teufel, marschieren Sie durch Nachbars Garten, rauchen Sie ungebührlich viel, schauen Sie sich mal selber an, betrachten Sie sich im Spiegel, ändern Sie etwas, hören Sie mit einem Ohr zu, hören Sie überhaupt noch zu?
Grundlagen der Statistik
8. Januar, 2008
Wenn man mit der Rhätischen Bahn die Albulastrecke fährt, erlebt man ein Phänomen. Um dieses zu erklären, bedarf es einiger einleitender Ausführungen. Eine Strecke, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln befahren wird, hat meistens zwei Endstationen und dazwischen mehrere, ja was denn? Zwischenhaltestellen, eben. Häufig gestaltet sich die Streckenführung so, dass sie zwischen den zwei Endstationen durch ein von starkem Verkehrsaufkommen geprägtes (geplagtes) Zentrumsgebiet verläuft. Mit Verkehr meine ich auch Fussgänger, die dieses öffentliche Verkehrsmittel benützen. Würde man zwischen zwei Stationen die Anzahl Fahrgäste zählen, befänden sich ziemlich sicher in der Zentrumsgegend ganz viele im Tram oder im Bus. Je weiter weg sich man sich vom Zentrum bewegt, desto weniger Fahrgäste befinden sich darin. Die Verteilkurve würde nach vielen Messungen wohl einer Gauss’schen Normalverteilung gleichen. Eine schöne Glockenkurve, am meisten Passagiere im Zentrum, immer weniger, je weiter weg davon.
Dann gibt es noch die Albulaverteilung, saisonal bedingt nur im Winter zu beobachten. Der Zug von Chur nach St. Moritz fährt in Chur fast leer ab. In Reichenau-Tamins, Thusis, Tiefencastel und Filisur steigt die Passagiezahl nur fast unmerklich an. Dann passiert das Unglaubliche: In Bergün/Bravuogn explodieren die Passagierzahlen. Wahre Heerscharen von Schlittelwütigen stürmen die Eisenbahnwagen, schlagen den überrumpelten Fahrgästen ihre Davosergestelle um die Ohren, noch dampfend vor Adrenalin vom letzten Rodelrun. Hundert Brücken und Tunnelkehren und eine halbe Ewigkeit später hält der Zug in Preda. Die Waggons stürzen nun fast in sich zusammen, mit solcher Wucht entleert sich die Schlittelmasse ins Freie. Eine richtige Implosion findet nun statt. Man kriegt fast Atemnot, doch da ruckelt der Zug schon weiter in den nächsten Tunnel. Gespentisch leise und leer ist es nun, wie vorher, nur alles ein bisschen nässer, hie und da ein vergessener Handschuh. Ist man wieder bei Sinnen, kann man sich diese bemerkenswerte Verteilung grafisch ausdenken: Es gibt keine Glocke, sondern einen Kasten. Die Passagierzahl verändert sich von Chur bis Bergün kaum, das ergibt also einen geraden, waagrechten Strich. In Bergün springt die Zahl auf einmal ganz hoch, und zwar senkrecht. Also ein Strich 90° zum waagrechten Strich. zwischen Bergün und Preda verändert sich die Passagierzahl alsdann kaum. Einzelne Schwankungen können auftreten, manchmal jättet es einen durch die altmodische Klospülung oder jemand fällt vor lauter Freude an der Aussicht zum Fenster raus. Insgesamt gibt es wieder einen waagrechten Strich, aber natürlich höher als der vorherige. In Preda stürzt die Zahl wieder senkrecht nach unten, und bleibt in etwa auf ihrem tiefen Niveau bis St. Moritz bestehen. Wer da kein Kästli sieht, ist um seine mangelnde Vorstellungskraft zu bemitleiden. Ich kann da nur den Besuch einer Selbsthilfegruppe oder eines Seminars beim Bundesamt für Statistik empfehlen.
Für d’Entwickligsgschicht z’ erkläre
2. Juli, 2007
Heute steht mal etwas ganz besonderes an: ich präsentiere einen Gastschreiber. Dieser heisst Martin Fey, ist mein Vater und brünzelt ganz ahnsehnliche Värsli uf Bärndütsch zu Melodien von den allseits bekannten Mani-Matter-Liedern.
Die Texte sind durchaus eigenständig, die Verwendung von Matters Rhythmen rührt vermutlich daher, dass Herr Papa zu faul war, eigene Musik zu schreiben.
Zudem ist es so ganz einfach, die Lieder zu singen – mann kennt die Melodie ja schon:
Ahneforschig(nach Mani Matters „Dr Bärnhard Matter (1821-1854)“ zu singen; entwicklungsbiologisch inspiriert durch Charles Darwin, durch einen Besuch der Galapagos-Inseln 1978, und überhaupt durch jahrelange klinische Beobachtungen im Beruf)
>
Für d’Entwickligsgschicht z’ erkläre Bin I geschter mal i Zoo,
Bi ga luege-n-öb vom Darwin här ä
Klars Konzept chönnt cho.
>
I bi zersch bim Fuultier g’landet,
Das het pfuuset kopf-voraa
Doch wär nume pfuuset, strandet
Ir Entwicklig und bliibt staa.
>
Du bi-n-I ga d’Bäre bsueche
Die sy üsers Wappetier,
Doch die düe mängs Mal wie d’Rueche
Wo me friedlich besser fier.
>
Wo-I zumne Chäfig chume,
Da g’seh-n-Ig ä Papagei.
Aber da chräit nume-n-ume
Wie-n-I heisse: „Fey, Fey, Fey!“
>
I ha welle wiiter loufe
Dänke draa, die Sach la z’sy,
Wott zum Troscht a Glace choufe,
Da fallt ds Affehuus mir i!
>
Z’letscht studiere-n-I no d’Affe
Hoffe, dass I meh verstaa
Wen-i die Verwandte gaffe,
Wiä dr Mönsch het chönn’ entstaa.
>
Die sy voll am ume schreie,
Und dr stärchsti Aff chläpft da
Grad a chliine – jede Laie
Gseht, da isch vil mönschlechs dra.
>
Eine schrisst a dr Banane,
Wo dr anger gärn wott ha,
Und zwe grossi Affe bahne
Grad äs Gschlegel zäme-n-aa.
>
Bim studiere vo der Gruppe
Gwinn Ig Date, gar nid knapp:
Wie-n-Ig gseh, grad mit dr Lupe,
Stammt der Mönsch vom Affli ab.
>
>
…je nach Anklang bei der werten Leserschaft werden weitere Liedtexte publiziert.
E witergfüerte Krimer
26. Mai, 2007
Es geht weiter!
Was bisher geschah: SIE FIEL IHM UM DEN HALS.
„den Rest können Sie sich ja denken“, schloss Rabenaas.
„Kann ich eben nicht“, grunzte Appleby, „habe gerade eine Hirnamputation hinter mir“.
„Na gut, wie Sie wollen. Die Dame ist Wahrsagerin und nennt sich Mme. Clôthlide. So was von mystisch, nicht wahr? Sie parfümierte mir ins Ohr, weshalb Sie mich anfallen musste. Sie hatte gerade in ihrem Kaffeesatz gelesen, dass der Mann ihrer Träume derjenige sei, der ihr viel Geld bringe. Einen lapidareren Kaffeesatz hats ja wohl noch nie gegeben, was? Item, sie hatte eben gesehen, wie ich das Geld zu ihrem Fenster reinwarf und da hats gefunkt. Bei ihr natürlich“. Herbert bebte. Seine Nase auch und so musste er sich schneuzen. Er tat’s distinkt und kariert, das heisst, das Nastuch war kariert. Er fuhr fort: „Ihr weiteres Leben erzählte sie mir zwischen den Leintüchern“. Jetzt musste er kichern wie ein kleiner Bub, der seine ältere Schwester mit ihrem Freund durchs Türschlüsselloch beobachtet, bespannt.
Dem guten Preston Appleby war gerade gar nicht zu lachen zumute. Eine emotionelle Diskrepanz diesen Ausmasses zwischen zwei sich gegenüberstehenden Menschen (lediglich ein Schirmständer dazwischen) hat es wohl noch nie gegeben.
„DU HAST MEINE MUTTER…! “ entfuhr es ihm (zu recht, denn so war es, ainsi il était).
„I wo, nicht gerade aus der Haut fahren, mein Freund, Sie dürfen mich weiterhin getrost siezen – Mme. Clôthilde ist etwa halb so alt wie Sie (und etwa halb so versoffen)“. Applebys Mutter trug also lediglich denselben Namen. Uff.
Konnte es sowas geben, die so was von diskrepante emotionelle Lage hatte sich in Sekundenschnelle um 180° gedreht: Rabenaas war konsterniert, Appleby suhlte sich in Genugtuung und war vergnügt. Es geschah nicht alle Tage, dass ihn jemand seiner Trinkfestigkeit (die er gerne mit Charakter und Charisma gleichsetzte) lobte. Ihm ging bisweilen ein Lichtlein auf, so denn auch jetzt. Er reimte sich laut etwas zusammen:
„Ich glaube, dass ich Ihnen kaum helfen kann, Herr Rabenaas. Ihren wirren Schilderungen zufolge kann ich nur annehmen, dass Sie bei Mme. Clôthilde nicht in einem Wahrsagesalon gelandet sind, sondern in einem andern schummrigen Etablissement. Fürwahr, manchmal sind sie gar schwer zu unterscheiden“. Appleby soff schwer. „Beide haben rotes Licht…“, sinnierte er vor sich hin.
„Sie waren also über die physische Gegenleistung der Mme. Clôthilde für 834 £ Sterling nicht sonderlich zufrieden. Ich gebe zu, für diesen Betrag sollte man schon einiges erwarten können. Sie wollten also das Geld zurück. Geld-zurück-Garantie gibt’s in dieser Branche allerdings nicht, sollten Sie wissen. Deshalb wurde Ihnen auch kein Einlass gewährt. So kann ich nichts konkretes für Sie tun. Ich kann Ihnen jedoch zwei heisse Tipps geben, wie Sie wieder an Ihr Geld kommen könnten: 1. Verkleiden Sie sich als Betreibungsbeamter und gehen Sie hin. Sagen Sie nichts. Die Dame wird Sie anschauen, winseln und mit dem Geld rausrücken. Wenn das nicht haut, hier kommt die ultima ratio: Stellen Sie ein Unterstützungsgesuch bei der Invalidenversicherung. Grund: Seelische Verkrüppelung wegen unbefriedigenden Sexuallebens. Und wenn Sie mich jetzt entschuldigen möchten, ich habe noch zu tun“.
Damit begleitete Preston Appleby, Privatdetektiv für Schnüffeleien aller Art und Gattung, den sprachlosen Herbert Rabenaas zur Tür hinaus. Er zog zwei Geldscheine aus dem Bündel, das Rabenaas ihm überreicht hatte.
„Werde mir die Bude dieser edlen Dame wohl doch persönlich ansehen müssen“, dachte er, als er seinen Mantel zuknöpfte.
ENDE
der Geschichte.
E Krimer
25. Mai, 2007
Heute bin ich mal ganz spannend drauf und versuche mich einmal im Genre der Fortstzungsgeschichten (was natürlich bedeutet, dass ich morgen auch spannend drauf sein muss).
Ich wollte schon lange mal eine dreckige Detektivstory schreiben, wie Philipp Maloney oder Dickie Dick Dickens.
Eine Kriminalgeschichte.
Es war ein mieser Montagnachmittag, es regnete in Strömen, es gab immer noch Leute, welche die Evolutionstheorie ablehnten und sein Büro hatte er schon wieder vollgequalmt – Gauloises. Und soeben war dieser mühsame Klient durch die Tür gestöffelt, Herbert Rabenaas, der jeden Monat mit fast peinlicher Regelmässigkeit Preston Applebys Kanzlei heimsuchte: Blondes, schütteres Haar, Attitüde eines Besenfressers, melancholischer Blick eines verklemmten Musikers, die Art eines selbsternannten Feinschmeckers. Wenn Appleby den Rabenaas lange genug anlüscherte, fragte er sich dann, warum er eigentlich Detektiv geworden war – wahrscheinlich des Whiskeys wegen. Als der Mühsame damit begann, zusammenhangslos naturwissenschaftliche Fremdwörter durch den Zigarrettennebel zu schleudern, hatte Appleby das tiefe Bedürfnis, den phlegmatischen Pfau gleich wieder hinauszukomplimentieren. Doch Rabenaas war zackig. Er baute sich vor dem Schreibtisch auf, griff in die Innentasche seines Kittels und produzierte theatralisch ein Bündel Banknoten.
„Als Anzahlung, Sie verstehen? Die Auflösung des Falles ist von ausserordentlicher Wichtigkeit für mich. Kazam!“ – „Herbert hat ‘nen Sprachtick“, lachte sich Appleby ins Whiskeyglas.
„Ja, Herr Kaz… eh, Katzenfrass (hähä), eeh, Rabenaas, Sie haben mir aber noch gar nicht so eloquent dargelegt, was ich denn auflösen soll. Das Geld nehme ich natürlich dankend als Honorar für unsere erbauliche Sitzung an“. Er musste rülpsen und tat es nach Detektivmanier freundlich, aber mit Nachdruck. Rabenaas floh hinter den Schirmständer. Von dort aus erklärte er:
„Nichts da! Sie nehmen das Geld und gehen schnüffeln! Kazam. Es geht um eine Frau und deren Zimmer -“,
„Aha, also ein Frauenzimmer?“, Appleby konnte sich nicht zurückhalten.
„Nein, sie sexistischer Affe, es geht um ein Zimmer, in dem ich Geld „deponiert“ habe, und eine Frau, die mich nicht reinlässt. Sie will mich betrügen. Kazam“.
„Mit einem andern Mann?“
„NAAAAHEEINN, Sie Dösköppel, sie will mich mit dem Geld betrügen!“
„Ein Monetophiler“, geht es Appleby durch den Kopf. „Sie haben das Wort „deponieren“ in An- und Abführungszeichen ausgesprochen. Waaas haben Sie genau mit dem Geld gemacht und wieso ist es dort? Warum lässt Sie die Frau nicht mehr in das Zimmer?“
„Weil ich das letzte Mal versucht hatte, mit einer Streitaxt einzudringen. Aber das geht Sie doch gar nichts an. Überdies gibt das diesem Räf noch keinen Grund, immer „HAUSFRIEDENSBRUCH!!!“ in das Treppenhaus zu brüllen“.
Gut, dass Appleby den crazy Herbert noch nie abgewiesen hatte. Der hätte ihm bestimmt gewaltsam mit einer Pinzette die letzte Gauloise zerdrückt. Appleby hätte es nicht verkraftet. „Mögen Sie Brahms?“, lenkte er ab. Der Mann ging ihm auf die Nerven. Der war ein Fall für den FFE.
„Nein, erst ab dem 13. Loch kriege ich Rückenschmerzen, Kazam“, konstatierte Rabenaas. Er war verrückt geworden hinter seinem Schirmständer. „Das Geld habe ich übrigens vor einer Woche von der 69. Strasse durchs offene Fenster ins Zimmer geworfen. Ich trainiere. Ich will weltbester GeldzumFensterhinauswerfer werden“.
„Whiskey?“ Appleby wartete gar nicht erst auf eine Antwort und füllte sein Glas. Er ärgerte sich über seine popelige Höflichkeit. Die Welt ist bös und hart zu einem, also müsste man doch zurückbösen. Er blies als Kompensation dem Rabenaas ein paar Kubikzentimeter Rauch ins Gesicht. „Wieviel war es?“
„Was?“ – „das Geld, das Sie ins Fenster warfen. Übrigens wage ich als blutiger Laie in ihrem Fachgebiet zu behaupten, auf die Gefahr hin, Sie ihres gesamten Lebenssinnes zu berauben, dass man wohl kaum weltbester GeldzumFensterhinauswerfer wird, wenn man Notenbündel von draussen durch ein Fenster in ein Zimmer hinein wirft…“
„Kazam! Das ist ja nicht zu fassen. Ihre Dummheit macht mich zappeln! Wie kann ich Geld zum Fenster hinauswerfen, ohne es zuerst reingeworfen zu haben? Ich sehe, Sie haben wohl nie Physik studiert. Ich zwar auch nicht, aber ich bin ein autodidaktisches Genie. Ich habe die ganze Logik auf der Platte“.
„Und einen Sprung in der Schüssel. Was sind Sie von Beruf?“
„Neurotiker. Es handelt sich um den erklecklichen Betrag von 834 £ Sterling. Da staunen Sie Bauklötze, was? Meine Kategorie ist Schwergewicht. Buy low, throw high. Die renitente Dame kannte ich bis vor kurzem nicht.“
Appleby verschluckte beinahe seine Zigarette. Er hustete gründlich ein wenig grünlichen Schleim. Vielleicht prustete er aber auch grünlich ein wenig gründlichen Schleim. Und spuckte aus. „Sie wollen also damit sagen, Herr Rabenaas, dass Sie in fremde Wohnungen ihre Knete zu werfen pflegen?“
Herbert hob die Augenbrauen. Er sah drein wie ein Geier mit Hängebacken. „Der Kick, mein Lieber. Adrenalin. Ich vergewissere mich, dass niemand zu Hause ist, werfe das Geld rein, breche anschliessend in die Wohnung ein und nehme den Zaster wieder mit. So war es auch das letzte Mal. Fast. Die Frau musste im Moment, als ich warf, in ihre Wohnung gekommen sein. Ich brach wie gewohnt, mit einem Dietrich die Tür aufschliessend, ein. DA FIEL SIE MIR UM DEN HALS“.
- Fortsetzung folgt.
Morgens um 08 Uhr 11.
23. Mai, 2007
Heute. aaaaaaaaaaaaaaaaargh, heute war so ‘n Tag, so einer von dieser Sorte. Von der Sorte, dass man sich nicht einmal die Sinnfrage stellen mochte. So blöd war das – es war einem zu blöd, ganz wahr. Es war mir zu blöd. Ein ahnungsloser Mitstudent brachte die Skrupellosigkeit auf, mir morgens um 08.11 Uhr die Frage zu stellen, wie’s denn so gehe. Er grinste unentwegt und wusste noch nicht, was ihn von mir oder vom bevorstehenden Vorlesungsmarathon erwarten würde. Er hatte sich auch nicht schon seit Anfang dieser Woche in Hörsälen rumschlagen müssen. Er war frisch und busper zurück aus Schweden. Darum gings ihm auch noch dementsprechend gut. Ich hing so in meinem Stuhl, wie man so zu hängen pflegt, wenn man auf vorher gestellte Frage folgende Antwort gibt:
Ah…,
aaaah…,
ah.
*Phhhhhht*,
Ach, du
(ja, ich werde schon wieder dieses Wort benützen, einmal pro Eintrag muss es mindestens sein)
Scheisse.
So. Damit wusste der andere Bescheid und ich auch.
Ich war bei weitem nicht der einzige in dieser Verfassung. Um zehn Uhr traf ich einen guten Bekannten an, er hielt sich noch knapp an einer UniS-Mensa-Bank. Jetzt war es an mir, die Frage mit dem Befinden-Wort zu stellen. Ich tat es willentlich und wissentlich, auf einen Erfolg bedacht, und dieser kam: „Eigetlech geits ganz guet, denn es isch ja immer [********!]„(siehe weiter oben). Es waren also schon zwei, die so richtich Bock hatten.
Einigermassen rekonvaleszent wusch ich abends in der Küche ein paar Kellen, ein Messer und ein Backblech ab. Abends ist der Tag noch nicht vorbei, und darum ging es weiter: Das Abwaschmittel droht zur Neige zu gehen. Heute noch nicht, wahrscheinlich hält es auch bis morgen. Aber eines Tages, dieser Tage, einer der nächsten, er ist noch im Tägertschitäli versteckt am dösen, ist die Flasche leer. DANN muss ich in die dunklen Kellergewölbe unseres Hauses hinabsteigen und eine neue holen gehen. Da werde ich mich des heutigen Tages mit schmerzvoller Wehmut erinnern und verklärt gedanklich darin suhlen. Vielleicht wandere ich aber vorher nach Nicaragua aus, ich habe es munkeln gehört, dass es dort Putzmittelflaschen gebe, die nie leer würden.
