der Tanz um die Lust

2. April, 2007

So, jetzt hab ichs gelesen. Der geneigte Leser fragt sich sicher, was. Zum ensoleilment verlinke ich ihn auf einen meiner früheren Einträge, wo ich angekündigt hatte, ein Buch zu kaufen, das in der NZZ am Sonntag besprochen worden war. Nun habe ich es eben gekauft und gelesen. Und jetzt kommt meine vernichtende Kritik. Oder eben auch nicht.

Das Buch „Der Tanz um die Lust“ von Ariadne von Schirach (Goldmann Verlag, München 2007), 28-jähriger Berliner Philostudentin und Schriftstellerin, ist 380 Seiten mächtig. Schätzungsweise über den Daumen gepeilt 200 Seiten zuviel. Das Buch ist aus einem vielbeachteten Essay, das im deutschen Nachrichtenmagazin „der Spiegel2 erschienen ist, entstanden. Mich packt und lässt das Gefühl nicht los , die Autorin habe das Essay lediglich ein wenig gestreckt, damit ein ansehnliches Buch daraus entstehe. Und so ist es mit vielen Wiederholungen, die v. Schirachs ziemlich unangenehme Erkenntnisse in ihrer Aussagekraft relativieren, zur angeseichteten (nicht angeseicht!) Bett- und Bähnlilektüre geworden. Eigentlich schade, denn das, was sie beobachtet, schockiert, auch wenn oder gerade weil es schon zur Tagesordnung zu gehören scheint, wir merken es nicht: Stichwort Pornogesellschaft. Alles ist Porno. Langweiliges Produkt? Eine leicht bekleidete Dame aufs Werbeplakat, im Fernsehspot räkelt sie sich noch lasziv auf dem Bildschirm, fertig ist der Bestseller. Sex sells, alte Weisheit neu (im wörtlichen Sinne) erkannt.

Sie entwirft ein trauriges Weltbild der Grossstadt (Berlin), das in Bern wahrscheinlich noch weniger ausgeprägt herrscht. Dieses Weltbild wird dominiert von der sexualisierten Konsumwelt, in der sich ihre Bewohner selbst zu Objekten machen. Es gilt, individuellen Lifestyle zu pflegen, als Symbol für Erfolg im Leben, insbesondere in der Partnerwahl bzw. im regen Partnertausch. One-Night-Stands sind in. Die Autorin, selber im besten Alter dazu, sieht übrigens sehr attraktiv aus (es hat ein Föteli von ihr im Revers des Buches), ist immer wieder hin- und hergerissen zwischen der verführerischen Leichtigkeit des (Party-)Seins und dem irgendwo lauernden Ernst des Lebens.

Im Buch wechselt sie zwischen distanzierten Beobachtungen der Aussenwelt (allg. Veränderungen im Beziehungsverhalten der Leute wegen leichterem Zugang zu Medien mit pornographischen Inhalten via Internet, zum Beispiel) und persönlichen Erlebnissen mit Freunden, vorwiegend aus endlosen Partys in Berlin. Wenn die Gute auch nur die Hälfte von all den Drinks getrunken hätte, die sie im Buch vorgibt genossen zu haben, wäre sie mittlerweile eine schwere Alkoholikerin mit Leberzirrhose. Sie bewegt sich im Berliner Künstlermilieu, alles brotlose Studienabbrüchler, die sich mit Videoperformances in Galerien und Kellnerjobs über Wasser halten und/oder einen reichen Papi haben. Alle um die 30 und kein Geld. Aber feiern können die, saufen und vögeln und sehen alle wie Filmstars aus. Naja, nach der zehnten Episode, die etwa so geht „ich war schon völlig betrunken, ging aber dennoch zur Bar, um noch einmal mit diesem blonden, hübschen Maler aus London, Tim, ins Gespräch zu kommen. Ich bestellte einen doppelten Vodka und versuchte, seinen Blick zu erhaschen…“ knackt es der lieben Glaubwürdigkeit im Gebälk. Immer dasselbe, ich habe nicht mal zitiert, sondern frei erfunden, aber so steht’s im Buch. Wie autobiographisch das Detail zu werten ist, dass die Kolleginnen unserer Autorin immer mit jungen Beaus im Bett landen, nur sie selbst frustriert alleine nach Hause zockelt (was ich einfach nicht glaube, die sieht schlicht zu gut aus), weil sie zu intellektuell sei, bleibe dahingestellt. Mit der Zeit und den gelesenen Seiten nimmt man die gute nicht mehr ernst mit ihren Partyberichten. Wenn das jetzt raffiniertes Stilmittel war, um dem Leser eine Welt vorzugaukeln, die er gerne hätte (Partys mit lauter schöner, sexy Menschen, nur auf Spass&Sex aus) und zähneknirschend mitverfolgen muss, wie die Protagonistin, die es ja in echt gibt, das alles erleben kann, dann bin ich voll drauf reingefallen. Und jetzt, mit letzterem Satz, voll wieder raus.

Eine kleine Stelle finde ich zum Schiessen: Sie regt sich ein wenig darüber auf, dass Sartre, ein kleiner hässlicher Mann aber grosser Intellektueller, immer die schönsten Frauen hatte.

Was mich am meisten enttäuscht: v. Schirach hat Philo studiert, ihr Buch ist ein Erfolg, sie deckt die Perversitäten und Obszönitäten unserer Gesellschaft auf. Also eine Akademikerin, eine der jungen, werdenden intellektuellen Elite. Und ihre Sprache ist fertiger Müll. Man kann durchaus legeres Deutsch schreiben, aber wenn man dieselbe Sprache benützt, um Freunde zu zitieren, die oberflächlich vorbeigehende Frauen („Rehe“) an einer Party beurteilen, und um philosophische Erkenntnisse darzulegen, mache ich nicht mehr mit. Sie erwähnt ganz beiläufig den einen oder andern Denker mit Zitat (aha, wohl mal an der Uni davon gehört), macht ein paar aufmerksame Beobachtungen, konzentriert sich aber dann schnell und bequem auf ausschweifende Saufgelage und Männergeschichten.

Die intellektuelle Leistung, die Synthese am Schluss, fehlt. Klar, ich möchte sie nicht bringen müssen, aber wer einen solchen Schinken schreibt, der muss. Am Schluss schwafelt sie was von Liebe und so. Ah, endlich sind wir angekommen, die Liebe ist was wert, ONS eben doch nicht so der Hit auf Dauer. Ist das was Neues? Für diese Einsicht hätt ich nicht 380 Seiten lesen müssen.

Es hat ganz gute Teile in dem Buch, wirklich. Aber sie werden durch den Fülltrash aufgeweicht, ihrer Prägnanz beraubt. Hätte v. Schirach auf höchstens 100 Seiten das wichtigste gesagt, wäre das ein tolles Buch mit starker Aussage geworden. So bleibt lediglich der Eindruck, dass da jemand ziemlich frustriertes vom Stapel lassen muss, verarbeiten muss. Was genau, wird nicht klar, weil auch nie ersichtlich wird, was wahr ist und was erfunden. Ich glaube, es geht Richtung Sexmangel. Und Liebesmangel. Und beides zusammen, das gibt es ja auch noch, geht fast ein wenig vergessen im Buch.

Ich jedenfalls weiss: Da spinnt nicht nur ein Pferd, da tritt mich kein Pferd, da spinnt die Welt. Rund um mich herum. Und ein paar „normale“ Leute, die ich kenne. Wir mittendrin, the rest goes nuts? Na, wer wird denn gleich. So schlimm ist’s auch nicht. Ich gehe jetzt ganz unfrustriert zu Bett. Schliesslich habe ich mit mit zwei Freunden gerade einen 1984er Audi A 80 gekauft, das is doch auch was, oder?

Audi Unser.