Die Kunst des Parlierens
25. Oktober, 2008
Mündliche Beteiligung in einer Vorlesung oder Übungsstunde, Reizwort für viele Schweizer Studenten. Vor andern etwas sagen, der blanke Horror, hoffentlich sieht mich der Prof hinter meinen 20 Minuten nicht. Die Schweizer haben da einen Komplex, einen Kloss im Halse. Wer sich freiwillig meldet: STREBER! Wer vom Prof aufgerufen wird, nuschelt leicht peinlich berührt, aber demonstrativ gelangweilt ein paar Wortbrocken in sich hinein. Wie reagieren die Profs? Es gibt solche, die rufen knallhart auf, warten gar nicht, bis sich zögerlich eine Hand erhebt, dann solche, die warten enthusiastisch und hoffnungsvoll auf ganz viele Voten und werden täglich mehrmals bitter enttäuscht, solche, die resigniert nur noch rhetorische Fragen stellen und die Antwort gleich selber liefern, und zu guter Letzt diese, die nach fünf Sekunden Schweigen im Saal gleich zur Moralpredigt anheben, wie wenn sie darauf gewartet hätten, dass sich niemand meldet, und dann so Zeug rauslassen wie: „Ich bin prinzipiell dagegen, Leute willkürlich aufzurufen, das ist KINDERGARTEN, ich erwarte von erwachsenen Studenten, dass sie selber den Nutzen der mündlichen Beteiligung sehen, als angehende Anwälte müssen sie vor Publikum reden können, ich habe also Zeit, zu warten, bis sich jemand freiwillig meldet, auch wenn das eine halbe Stunde dauert. Wie gesagt, ich rufe bewusst und aus Prinzip niemanden auf“. Und da ist es passiert: Der Graben tut sich auf zwischen Dozent und Student, dumme Schnepfe, die behandelt uns ja eben gerade wie Kindergärteler, also da melde ich mich grad extra nicht. So denken wohl alle im Saal. Der/die Dozent/in spürt die negative Energie im Saal und schnappt ein. So geht das weiter, die Stunde endet nie. Kennt ihr das?
Nicht so in Paris. Dieses Problem ist den französischen Dozenten so unbekannt wie unverständlich. Stellt ein Prof eine Frage, oder fragt er das Plenum, ob noch Fragen dererseits seien, schnellen die Hände schon gar nicht mehr in die Höhe, da wird gleich losgequatscht. Die Franzosen, die können dann aber reden, Du Sie. Und sie lieben es. Die Studenten schwafeln drauflos wie ein Politiker im Fernsehen. Mit so eloquenten Sätzen, unterstreichenden Gesten, und endlos. Im Moment des Losschwatzens sind sie niccht mehr zu Bremsen. Es gibt kein Zurück, keine Rücksicht, alle müssen hinhören und sich interessieren. In den ersten Wochen war ich zu Tode beeindruckt und die Schamesröte erklomm mein Gesicht, wenn ich an Berner Jusstudis dachte. Der Witz der Sache: Damals verstand ich meine einheimischen Kommilitonen noch nicht (übrigens heisst Kommilitone „petit collègue“. „Collègue“ ist dann der Fachkollege auf Stufe Professor). Heute, Leute, hat sich das geändert. Jetzt verstehe ich jedes Wort und ich muss sagen, ja meine Aussage revidieren: Die Franzosen, die können dann sprechen ohne etwas zu sagen, Du Sie. Und das lieben sie noch viel mehr. Am passioniertesten lassen sie sich über Dinge aus, von denen sie keinen blassen Schimmer haben. Da kann schon mal einer ein fünfminütiges Referat improvisieren, Bilanz null Ihnalt. Die Profs merken das natürlich schon und schmunzeln oder tun die übermütigen Jungspunde mit einem träfen Satz ab. Das entmutigt letztere aber gar nicht, spornt sie eher an, um bei der nächsten Frage gleich wieder eine Brandrede zu halten. Ich meine, deren Präsident macht das ja täglich mit Bravour vor.
Es lebe die Form vor dem Inhalt, meine geschätzten Kollegen!