Dr schnällscht Wäg nach Chartres – oder Versailles?
11. Oktober, 2008
Eigentlich wollte ich nach Chartres, der schönen Kathedrale wegen. Bei diesem Wetter! Strahlend blauer Herbsthimmel. Also hopp, www.sncf.fr eintippen, Fahrplan konsultieren. Dass das nicht so elegant geht wie bei sbb.ch, das weiss ich schon lange. Ganz im Ernst, der Designer dieser Website muss die Hirnregion „Funktionalität“ amputiert haben. So ein Schrott. Irgendeinmal schafft man es. Heute aber nicht. Technisches Problem der Website, kein Fahrplan erhältlich. Ich war gwunderigerhalber aber schon vor einer Woche auf der Fahrplansite, da ging es noch. Züge nach Chartres fahren etwa im Stundentakt ab Gare Montparnasse. Man muss nämlich den richtigen Bahnhof erwischen in Paris, da gibt’s nicht einfach den HB, sondern etwa deren 5…
Munter nach Montparnasse, ein erstes Mal Ärger, die Franzosen bringen es nicht fertig, eine grosse Fahrplan- oder Abfahrtentafel zu installieren. Existiert schlicht nicht. Dann muss man auch noch wissen, ob Chartres mit den „Grandes Lignes“ (Schnellzüge) oder mit „Transilien“ (noch im Umfeld von Paris) erreichbar ist. Der Schalter der einen Kategorie verkauft selbstverständlich keine Tickets der anderen. Sind auch zwei verschiedene Gesellschaften, auch wenn beide zu SNCF gehören. Es gibt nota bene ca. 6 oder 7 verschiedene Eisenbahngesellschaften in Frankreich. Und jede wurstelt für sich selber. Dass das Chaos bedeutet, leuchtet jedem ÖV-verwöhnten Schweizer sofort ein. Ich finde irgendwie heraus, dass Chartres mit Vorortszügen erreichbar ist. Die Dame am Schalter verkündet mir aber, dass infolge Bauarbeiten Montparnasse pour le week-end praktisch lahmgelegt sei, ich müsse nach Gare St.-Lazare am andern Ende der Stadt, von dort nach Versailles Chantier und dort nach Chartres umsteigen. Mir steigt erst mal die Galle hoch, ich bin schon 3/4h unterwegs und noch nirgends. Also ab nach St.-Lazare. Wieder keine Übersichtstafel der verkehrenden Züge. Ich wende mich zuerst an einen Automaten, der gerade frei ist. Der kennt aber weder Destimation Versailles Chantier geschweige denn Chartres. Ich versuche es bei einem SNCF-Automaten (ja, klar, es stehen an den Bahnhöfen auch für jede Gesellschaft andere Automaten herum, allesindieluftsprengwollenlustdazubekomm). Der kennt Chartres aber auch nicht. Vielleicht gibt es das Kaff ja gar nicht mehr. Ich stelle im Übrigen entsetzt fest, dass die 3 Schalter, die gerade geöffnet sind (in einem Bahnhof der Grösse Züri HB mit täglich mehreren Tausend Passagieren), eine mehrere Stunden Anstehzeit bedeutende Schlange vor sich haben. Ich verliere die Nerven und verlasse – eben entnervt – den Bahnhof, werde noch von einem Typen mit Lederjacke, Dieseljeans und Gelfrisur (politisch korrekt, aber doch klar, was ich damit meine, wenn man Paris kennt?) angeschwafelt (geht so: eeeeh salut, ça va, streckt einem die Hand hin und als doofer Europäer nimmt man eine dargebotene Hand immer an, der andere lässt sie nicht gleich los, sondern will irgendwas, f… einen an. Ein anderes Mal hätte ich vielleicht in die Hose gemacht, jetzt bin ich dank SNCF so geladen, dass ich seine Hand wegschleudere, ihm fast eine kleben will – besser doch nicht, der hat seine mecs um die Ecke – ihn aber verbal zum Teufel wünsche und erstaunt dastehen lasse).
Dann fahre ich eben nach Versailles, soll ja auch schön sein, bei dem Wetter, da brauchts den RER C, wieder eine andere Kategorie von S-Bahn, diesmal von RATP, Pariser ÖV-Unternehmen. Ab nach Invalides, dort fährt das Tschutschubahni. Die dortige Schalterdame erklärt mir, Invalides sei ebenfalls hors service was S-Bahn angeht, wegen Bauarbeiten. Sie verkauft mir aber sofort ein Billett nach Versailles, ich solle die Linie L, wer hätte das geahnt, ab St.-Lazare nehmen. Sie weiss gar nicht, warum ich das lustig finde.
Dann sitze ich im Zug nach Versailles. Naja, wenn der Tag verhext ist, dann gründlich: Nächste Station La Défense, aus unerfindlichen Gründen erst einmal Endstation. Der Lautsprecher erklärt, dass der Zug im Moment im Bahnhof stehe und dankt (bittet nicht einmal) fürs Verständnis. Soviel habe ich aber auch schon gemerkt, dass der Zug im Bahnhof steht. Und Verständnis bringe ich mittlerweile kaum mehr auf. Schlussendlich komme ich doch noch in Versailles an, bin erschlagen von der Grösse dieser Anlage und geniesse den Tag.
Fazit: Die Franzosen haben ein tolles TGV-Netz, das funktioniert super, die U-Bahn lässt sich sehen, und das zwischendrin, S-Bahn und andere Nahverkehrszüge, ist der letzte Dreck (Infrastrukur, diese Züge sind aus dem vorletzten Jahrhundert, Billettsystem, siehe oben, Organisation und überhaupt). Da nützt einem der schnellste TGV nichts, wenn man den immer verpasst, weil die S-Bahn nicht funktioniert. Ich habe heute gesamthaft etwa gleichviel Zeit in ÖV wie in den Versaillesbesuch investiert. War auch interessant. Hat neuen Blogstoff geliefert!