Das Streiten ist des Schweizers Lust
7. Oktober, 2008
Ich muss mal wieder über die Schweizer herziehen. Zu Hause fühlt man sich unter seinesgleichen, da merkt man nicht, wie Schweizer eigentlich so sind. Vielleicht sind sie zu Hause auch nicht so, benehmen sich nur im Ausland daneben. Weil sie denken, dass man in Paris eh kein Schweizerdeutsch versteht. Denkste, Puppe, z.B. ich. Ich hab’s noch nicht ganz vergessen, s’ Schwiizertütsch. Wahrscheinlich gibt es auch danebene Franzosen und Engländer und Deutsche und Papuaneuguineaner. Ich möchte aber aus völlig einseitiger Sicht über Klischeeschweizertouristen schreiben.
Und das ging nämlich so.
Ich ging eines stürmischen Freitagnachmittags ins Centre Georges Pompidou (ausser den blöden Schweizern hat es da nur tolles Zeug drin, wer zeitgenössische Kunst mag – das älteste in der Sammlung sind Picassos und Braques – war sicher schon da oder muss unbedingt mal hin. Doch dies nur am Rande). Ich wanderte gewissenhaft die behangenen Wände ab, ziemlich begeistert ob dem, was ich sah. So kam ich denn zu einem Bild von Günher Uecker, einem deutschen Objektkünstler von internationalem Rang. Das Bild sah so aus:
Noch zur Verdeutlichung: Das ist eine runde Holzscheibe, die mit Nägeln beschlagen ist. Die Nägel sind in Schieflage und spiralförmig angeordnet.
Eben, vor dem Bild standen vier Personen, die sofort erkennbar Schweizerdeutsch sprachen. Ich fand heraus, vom hinsehen: Junges Ehepaar mit Eltern bzw. Schweigereltern auf Parisbesuch. Und die waren in eine lebhafte, wenn nicht sogar ein wenig hässige Diskussion untereinander verwickelt.
§ Nei lug, gsehsches dänn eigetli nöd, die Negel sind esoooo ume n iigschlage.
* Ja, das gsehni tänk scho, aber wäg dem flüssts doch gliich i di anderi Richtig, nämli sooo ume. Im Uhrzeigersinn gönnds, die Negelchöpf zeiged id Flussrichtig, weisch.
% Da mues ich minere Tochter biipflichte, es sind äidüütig d Negelchöpf wo id Richtig zäiged.
§ Sonen Säich, isch doch logisch, das wännds gägede Uhrzäigersinn iigschlage sind, dasses äu i die Richtig zeiged!
% Lug, ich han äifach meh Erfahrig mit dene Sache, Ich wäiss halt äifach vil drüber, und da isches ganz klar, dass die Negel im Uhrgzeigersinn aagordnet sind.
§ Äh bah!
% Weisch, ich cha mich ganz guet i das ine versetze, was Du gsehsch, aber wer’s verschtaht, de gseht’s äifecht andersch.
Es wird langsam laut, die Stimmern erheben sich, wenn man vergleicht, dass die andern Besucher sich meistens flüsternd unterhalten…
§ Das isch mier doch gliich, für MICH gseht’s eben andersch us.
% Ja ebe, aber wäge dem-
* Mami, bitte, es hät kä Wärt!
- der Schweigervater schon lange in den nächsten Saal abgeschlichen, der Schwiegersohn sich beleidigt demonstrativ einem andern Bild zuwendend -
Ich schmunzelnd weiter. Im Nachhinein frage ich mich tatsächlich selber, in welche Richtung diese Nägel eigentlich zeigen. Etwas habe ich aber gelernt: Diese obige Personenkonstellation in einem Museum: Brandgefährliche Mischung. Besser ins Kino gehen, da muss man den Schnabel halten!
