Ich, Felix Krull (?)
31. Oktober, 2008
War einkaufen. Oder shoppen. Ein Paar Jeans musste es sein, und dazu betrat ich ein grosses Kaufhaus an der Rue de Rivoli. Ich machte mich gleich an eine Verkäuferin ran und fragte sie nach dem Sortiment. Sie zog gleich ein paar Lacoste-Jeans für mindestens 4,3 Zillionen Euro hervor, soviel wie Lacoste-Jeans eben kosten, und empfahl mir diese. Abgesehen davon, dass diese Jeans nicht ganz meinem Preissegment entsprachen, gefiel mir die Farbe nicht. Ich wollte dunklere. Ich sagte ihr dies, kam aber nur so weit zu sagen, dass ich mir was anderes vorgstellt hatte, doch das Wort „dunkel“ fiel mir partout nicht ein. Konnte ja nicht „plus noir“ sagen, ich wollte dunkelBLAUE Jeans. Ich stand vor ihr und stotterte. Eigentlich bin ich mir gewöhnt, dass die Pariser spätestens dann merken, dass ich wieder so ein Tourist bin und beginnen Englisch zu sprechen, worauf ich dann höflich antworte, ich verstehe schon französisch. Dies war aber diesmal nicht der Fall. Die gute Dame kam schlicht und ergreifend nicht auf die Idee, was mein Problem war und was ich wollte. Sie fing nicht auf Englisch an und behandelte mich nicht wie einen Touristen. Sie war höchstens ein wenig verwirrt. Sie fragte mich dann doch, ob ich Jeans „plus foncé“ wolle. JAAAAA, genau das, merci! Foncé. Voilà. Beim Verlassen des Geschäfts kam mir in den Sinn, was die Dame so irritiert hatte: Wahrscheinlich hat sich mittlerweile mein Accent vom Ogi-fédéral zum besseren gewendet, und die hielt mich wohl für einen richtigen Franzosen. Denn ausser dem Wort „foncé“ kam mir alles in den Sinn und ich laberte wild drauflos. Da sie mich nun für einheimisch hielt, konnte sie meine Wortfindungsstörung wohl einfach nicht einordnen. Die hat wohl zwei Schubladen im Kopf: Tourist mit fremdem Akzent und beschränktem Vokabular und Einheimischer mit richtigem Akzent und allen Wörtern auf der Zunge. Aber ein „Einheimischer“, dem „foncé“ nicht in den Sinn kommt: Störung. Ich kam mir vor wie ein kleiner (aber nur ein kleiner) Felix Krull. Gab mich als Pariser aus und die Vendeuse fiel darauf rein. Dem richtigen Krull wäre mein Sprachlapsus aber sicher nicht unterlaufen. Der hätte sein Voci beisammengehabt.
Wie putzt man Strassen in Paris?
27. Oktober, 2008
Das geht so: Man nehme einen grossen Tanklastwagen und fülle ihn randvoll mit Wasser. Dann hänge man einen Schlauch mit Druckpumpe untenran (Modell Kärcher XXXXXXL). Damit fahre man langsam dem Strassenrand entlang, richte den Schlauch gegen den Bürgersteig und betätige die Klospülung, äääh, einfach die Spülung. Wer als Fussgänger dann noch nicht geflüchtet ist, weiss wie sich der Wasserwerfer der Polizei bei einer Demo anfühlt. Nur dass die Bullenversion von oben herab spritzt, im Gegensatz zur Putzversion, die von der Seite in die Beine fetzt. Da klebt man schon mal triefnass an der Hauswand. Der Tanker entlässt also tatsächlich hunderte Hektoliter pro Sekunde mit Hochdruck auf den Strassenrand mitsamt Trottoir. Parkierte Autos werden kurzerhand hochdruckgereinigt. Wer das Fenster offenlässt, hat nicht nur ein (einseitig) aussen geputztes Auto, sondern auch noch einen Swimmingpool innendrin. Ventilation an und fertig ist der Whirlpool.
Dann gibt es noch Methode zwei. Es gibt so lustige Gullydeckel, in die fliesst kein Wasser ab, nein, einmal in der Woche sprudeln dort Milch und Honig raus. Oder eben doch nur Wasser. Einfach so. Plötzlich. Unvermittelt. Sprudelt es aus allen Löchern an den Krezungen raus. Wahre Reissbäche bilden sich beidseits der Strassen. An den Fussgängerstreifen organisiert man venezianische Traghetti… Dort, wo das Wasser nicht hinfliessen soll, verstopfen sie die Strasse mit alten, zusammengerollten Teppichen (sicher Perser). So geht das.
Die Kunst des Parlierens
25. Oktober, 2008
Mündliche Beteiligung in einer Vorlesung oder Übungsstunde, Reizwort für viele Schweizer Studenten. Vor andern etwas sagen, der blanke Horror, hoffentlich sieht mich der Prof hinter meinen 20 Minuten nicht. Die Schweizer haben da einen Komplex, einen Kloss im Halse. Wer sich freiwillig meldet: STREBER! Wer vom Prof aufgerufen wird, nuschelt leicht peinlich berührt, aber demonstrativ gelangweilt ein paar Wortbrocken in sich hinein. Wie reagieren die Profs? Es gibt solche, die rufen knallhart auf, warten gar nicht, bis sich zögerlich eine Hand erhebt, dann solche, die warten enthusiastisch und hoffnungsvoll auf ganz viele Voten und werden täglich mehrmals bitter enttäuscht, solche, die resigniert nur noch rhetorische Fragen stellen und die Antwort gleich selber liefern, und zu guter Letzt diese, die nach fünf Sekunden Schweigen im Saal gleich zur Moralpredigt anheben, wie wenn sie darauf gewartet hätten, dass sich niemand meldet, und dann so Zeug rauslassen wie: „Ich bin prinzipiell dagegen, Leute willkürlich aufzurufen, das ist KINDERGARTEN, ich erwarte von erwachsenen Studenten, dass sie selber den Nutzen der mündlichen Beteiligung sehen, als angehende Anwälte müssen sie vor Publikum reden können, ich habe also Zeit, zu warten, bis sich jemand freiwillig meldet, auch wenn das eine halbe Stunde dauert. Wie gesagt, ich rufe bewusst und aus Prinzip niemanden auf“. Und da ist es passiert: Der Graben tut sich auf zwischen Dozent und Student, dumme Schnepfe, die behandelt uns ja eben gerade wie Kindergärteler, also da melde ich mich grad extra nicht. So denken wohl alle im Saal. Der/die Dozent/in spürt die negative Energie im Saal und schnappt ein. So geht das weiter, die Stunde endet nie. Kennt ihr das?
Nicht so in Paris. Dieses Problem ist den französischen Dozenten so unbekannt wie unverständlich. Stellt ein Prof eine Frage, oder fragt er das Plenum, ob noch Fragen dererseits seien, schnellen die Hände schon gar nicht mehr in die Höhe, da wird gleich losgequatscht. Die Franzosen, die können dann aber reden, Du Sie. Und sie lieben es. Die Studenten schwafeln drauflos wie ein Politiker im Fernsehen. Mit so eloquenten Sätzen, unterstreichenden Gesten, und endlos. Im Moment des Losschwatzens sind sie niccht mehr zu Bremsen. Es gibt kein Zurück, keine Rücksicht, alle müssen hinhören und sich interessieren. In den ersten Wochen war ich zu Tode beeindruckt und die Schamesröte erklomm mein Gesicht, wenn ich an Berner Jusstudis dachte. Der Witz der Sache: Damals verstand ich meine einheimischen Kommilitonen noch nicht (übrigens heisst Kommilitone „petit collègue“. „Collègue“ ist dann der Fachkollege auf Stufe Professor). Heute, Leute, hat sich das geändert. Jetzt verstehe ich jedes Wort und ich muss sagen, ja meine Aussage revidieren: Die Franzosen, die können dann sprechen ohne etwas zu sagen, Du Sie. Und das lieben sie noch viel mehr. Am passioniertesten lassen sie sich über Dinge aus, von denen sie keinen blassen Schimmer haben. Da kann schon mal einer ein fünfminütiges Referat improvisieren, Bilanz null Ihnalt. Die Profs merken das natürlich schon und schmunzeln oder tun die übermütigen Jungspunde mit einem träfen Satz ab. Das entmutigt letztere aber gar nicht, spornt sie eher an, um bei der nächsten Frage gleich wieder eine Brandrede zu halten. Ich meine, deren Präsident macht das ja täglich mit Bravour vor.
Es lebe die Form vor dem Inhalt, meine geschätzten Kollegen!
Der Sprache allerlei Feinheiten
17. Oktober, 2008
zum Beispiel:
Man verabschiedet sich mit einem „à toute à l’heure“, sofern man vorhat, sich bald wieder zu sehen – „bis später“.
Natürlich kürzt man das ab, wie fast alles auf Französisch.
à toute! (à l’heure)
à plus! (das „s“ aussprechen) (…tard)
la fac (ulté)
le prof (esseur)
sympa (thique)
le moto (cycle)
la manif (estation) d’ demo!
Und nochmal etwas zu toute à l’heure: ich wollte Geld einzahlen auf meinem französischen Bankkonto. Die Dame am Empfang erklärte mir, dass das hier nur am Automaten funktioniere, dieser aber heute morgen hors service sei. „Vous venez toute à l’heure“. Waswiewo? Welche Stunde denn genau? Ich war verwirrt. Ein Schweizer muss immer eine genaue Stunde haben. Darum fragte ich sie, wie lange denn „toute à l’heure“ sei. Jetzt war sie an der Reihe, verwirrt zu sein. Dans une ou deux heures, meinte sie schulterzuckend. Als ich dann toute à l’heure wieder auf der Matte stand, funktionierte dieses Ding tatsächlich auch wieder. Mit diesem toute à l’heure kann man also wohl Wunder bewirken.
Dann das: Es kann einem ja mal passieren, dass man in der Metro jemanden anrempelt, ganz aus versehen, man ist ja kein Rüpel. Dann entschuldigt man sich. Da liegt aber gleich das Problem. Als Deutschschweizer möchte man gleich sagen: „Oh, je m’excuse!“ Das wird aber als beleidigend empfunden, wenn sich der Rempler gleich selber entschuldigt. In Frankreich will man darum gebeten werden, diesen Fauxpas zu verzeihen. Deshalb hat man mehr Erfolg mit: „Excusez moi, Monsieur/Madame!“
Auf korrektes Deutsch bittet man ja auch um Entschuldigung, nicht wahr.
ohne titel
15. Oktober, 2008
Kino Kino Kino
13. Oktober, 2008
Nur kurz: War am Wochenende im Kino, den neusten Woody Allen gucken gehen. Den Film erkläre ich hier nicht, der läuft auch in der Schweiz. Ich ging also mal zum Kino, einem veritablen Komplex mit etwa 20 Sälen. Ich erwarb eine Eintrittskarte, der ich entehmen konnte, dass der Woody in Saal Nr. 10 abgeht. Eine Sitzplatzzahl war aber nicht drauf. Stimmt, ich konnte an der Kasse auch gar keine Sitzposition auswählen… In der Schweiz darf ich doch immer sagen ob eher vorne oder doch lieber hinten Mitte bitte.
Hat man noch ohne Anstehen ein Ticket erstanden, fait-on la queue eben vor der Saaltür. Und da will man ganz vorne sein, habe ich sofort bemerkt, und das hat ganz fest stark so etwas von einem Zusammenhang mit den mangelnden Sitznummern auf dem Billett. Freie Platzwahl!! Judihui, vor allem wenn der Film seit Donnerstag läuft und jetzt ist Wochenende. Es wird Blut fliessen. Und dann der Gipfel: Die Tür geht erst punkt 22.30 Filmstart auf, und alle drängen sich gleichzeitig durch einen einzigen Eingang. Warum geht die Tür nicht früher auf, wie bei uns, wo man gemütlich reinspazieren kann und der Ticketheini wartet friedlich eine halbe Stunde. Zudem müssen sie hier gar nicht mehr Tickets kontrollieren, das geschieht gleich nach der Kasse.
Ich sag’s euch, Leute: C’est la Grande France. Man macht einfach ein Brimborium draus. Es gibt jeweils einen Verantwortlichen für 5 Säle, und er tut immer nur einen Saal öffnen aufs Mal. Und dann wird man zum richtigen Saal geführt, den würde man ja selber nicht finden. Gut, in meinem Fall fand ihn die Meute ganz alleine und der Türsteher wurde fast niedergetrampelt. Es war nämlich schon 22.45, als er uns endlich reinliess…
Dr schnällscht Wäg nach Chartres – oder Versailles?
11. Oktober, 2008
Eigentlich wollte ich nach Chartres, der schönen Kathedrale wegen. Bei diesem Wetter! Strahlend blauer Herbsthimmel. Also hopp, www.sncf.fr eintippen, Fahrplan konsultieren. Dass das nicht so elegant geht wie bei sbb.ch, das weiss ich schon lange. Ganz im Ernst, der Designer dieser Website muss die Hirnregion „Funktionalität“ amputiert haben. So ein Schrott. Irgendeinmal schafft man es. Heute aber nicht. Technisches Problem der Website, kein Fahrplan erhältlich. Ich war gwunderigerhalber aber schon vor einer Woche auf der Fahrplansite, da ging es noch. Züge nach Chartres fahren etwa im Stundentakt ab Gare Montparnasse. Man muss nämlich den richtigen Bahnhof erwischen in Paris, da gibt’s nicht einfach den HB, sondern etwa deren 5…
Munter nach Montparnasse, ein erstes Mal Ärger, die Franzosen bringen es nicht fertig, eine grosse Fahrplan- oder Abfahrtentafel zu installieren. Existiert schlicht nicht. Dann muss man auch noch wissen, ob Chartres mit den „Grandes Lignes“ (Schnellzüge) oder mit „Transilien“ (noch im Umfeld von Paris) erreichbar ist. Der Schalter der einen Kategorie verkauft selbstverständlich keine Tickets der anderen. Sind auch zwei verschiedene Gesellschaften, auch wenn beide zu SNCF gehören. Es gibt nota bene ca. 6 oder 7 verschiedene Eisenbahngesellschaften in Frankreich. Und jede wurstelt für sich selber. Dass das Chaos bedeutet, leuchtet jedem ÖV-verwöhnten Schweizer sofort ein. Ich finde irgendwie heraus, dass Chartres mit Vorortszügen erreichbar ist. Die Dame am Schalter verkündet mir aber, dass infolge Bauarbeiten Montparnasse pour le week-end praktisch lahmgelegt sei, ich müsse nach Gare St.-Lazare am andern Ende der Stadt, von dort nach Versailles Chantier und dort nach Chartres umsteigen. Mir steigt erst mal die Galle hoch, ich bin schon 3/4h unterwegs und noch nirgends. Also ab nach St.-Lazare. Wieder keine Übersichtstafel der verkehrenden Züge. Ich wende mich zuerst an einen Automaten, der gerade frei ist. Der kennt aber weder Destimation Versailles Chantier geschweige denn Chartres. Ich versuche es bei einem SNCF-Automaten (ja, klar, es stehen an den Bahnhöfen auch für jede Gesellschaft andere Automaten herum, allesindieluftsprengwollenlustdazubekomm). Der kennt Chartres aber auch nicht. Vielleicht gibt es das Kaff ja gar nicht mehr. Ich stelle im Übrigen entsetzt fest, dass die 3 Schalter, die gerade geöffnet sind (in einem Bahnhof der Grösse Züri HB mit täglich mehreren Tausend Passagieren), eine mehrere Stunden Anstehzeit bedeutende Schlange vor sich haben. Ich verliere die Nerven und verlasse – eben entnervt – den Bahnhof, werde noch von einem Typen mit Lederjacke, Dieseljeans und Gelfrisur (politisch korrekt, aber doch klar, was ich damit meine, wenn man Paris kennt?) angeschwafelt (geht so: eeeeh salut, ça va, streckt einem die Hand hin und als doofer Europäer nimmt man eine dargebotene Hand immer an, der andere lässt sie nicht gleich los, sondern will irgendwas, f… einen an. Ein anderes Mal hätte ich vielleicht in die Hose gemacht, jetzt bin ich dank SNCF so geladen, dass ich seine Hand wegschleudere, ihm fast eine kleben will – besser doch nicht, der hat seine mecs um die Ecke – ihn aber verbal zum Teufel wünsche und erstaunt dastehen lasse).
Dann fahre ich eben nach Versailles, soll ja auch schön sein, bei dem Wetter, da brauchts den RER C, wieder eine andere Kategorie von S-Bahn, diesmal von RATP, Pariser ÖV-Unternehmen. Ab nach Invalides, dort fährt das Tschutschubahni. Die dortige Schalterdame erklärt mir, Invalides sei ebenfalls hors service was S-Bahn angeht, wegen Bauarbeiten. Sie verkauft mir aber sofort ein Billett nach Versailles, ich solle die Linie L, wer hätte das geahnt, ab St.-Lazare nehmen. Sie weiss gar nicht, warum ich das lustig finde.
Dann sitze ich im Zug nach Versailles. Naja, wenn der Tag verhext ist, dann gründlich: Nächste Station La Défense, aus unerfindlichen Gründen erst einmal Endstation. Der Lautsprecher erklärt, dass der Zug im Moment im Bahnhof stehe und dankt (bittet nicht einmal) fürs Verständnis. Soviel habe ich aber auch schon gemerkt, dass der Zug im Bahnhof steht. Und Verständnis bringe ich mittlerweile kaum mehr auf. Schlussendlich komme ich doch noch in Versailles an, bin erschlagen von der Grösse dieser Anlage und geniesse den Tag.
Fazit: Die Franzosen haben ein tolles TGV-Netz, das funktioniert super, die U-Bahn lässt sich sehen, und das zwischendrin, S-Bahn und andere Nahverkehrszüge, ist der letzte Dreck (Infrastrukur, diese Züge sind aus dem vorletzten Jahrhundert, Billettsystem, siehe oben, Organisation und überhaupt). Da nützt einem der schnellste TGV nichts, wenn man den immer verpasst, weil die S-Bahn nicht funktioniert. Ich habe heute gesamthaft etwa gleichviel Zeit in ÖV wie in den Versaillesbesuch investiert. War auch interessant. Hat neuen Blogstoff geliefert!
Commentpardononparlefrançaisicioupas?
10. Oktober, 2008
Es gibt noch ein anderes Französisch. Québequois. Die französischen Kanadier, les Québequois, die leben auch in meiner Maison des Etudiants, la dernière étant la Résidence des Canadiens, n’est-ce pas. Wenn man zum ersten Mal kanadisches Französisch hört, tönt das erst einmal gar nicht wie Französisch, sondern wie Amerikanisch, nur komplett unverständlich. Jedenfalls hat sich bei den ersten kanadischen Kontakten bei mir sofort das englische Ohr eingeschaltet, des Klanges wegen, ist dann aber recht schnell durchgedreht. Kein Wort habe ich verstanden. Bis ich mal von der frankophonen Seite hinhörte, da ging es schon besser. Die Worte sind eigentlich richtige französische Worte, geng sövu. Aber die Aussprache! Wie wenn ein Ami Französisch gelernt hätte, es mittlerweile ziemlich fliessend spricht, aber mit einem kräftigen Akzent. Ein paar Beispiele, so weit schriftlich eben illustrierbar:
demain, französisch: dömäng (stark vereinfacht), oder? Kanadisch: Domein (domE-In, nicht domÄ-In ausgesprochen). Das bringt dich draus, Mann! Das tönt wie das englische Wort „domain“, für Hoheitsgebiet.
Oder: Je n’aime pas qch. franz: Schö n’ähm pa qch. Kanadisch: Schö n’eimö pöh qch.
Oder: c’est que pour les enfants. franz: S’e ggö pur les angfang. Kanadisch: Se körr (rr wie ein englisches „rr“ aussprechend) pur lös angfang. Die hängen beim „que“ also ein abstruses „rr“ an, sprechen die sonstigen r’s aber ganz normal französisch hinten im Hals aus. Ich staune jeweils Bauklötze, echt.
Zu guter letzt: Wenn die franko-Kanadier dann aber mal Englisch sprechen, tun sie dies mit einem deutlichen Frangsösisch-Aggsang…
Heute wieder mal blau machen
9. Oktober, 2008
Andere Feiertage muss man erst mal im Griff haben! Andere als in der Schweiz nämlich. Vor kurzer Zeit hat es mich zum ersten Mal erwischt. Ich wollte einkaufen gehen, an einem stinknormalen Mittwoch, am Nachmittag. 3/4 der Läden waren geschlossen. Das geht doch nicht! Bis zum Wochenende geht es noch lange. Tja, Paris ist multikulturell geworden und viele Läden machen deshalb ende Ramadans zu. Und das ist ganz normal. Ich möchte mal ein paar Schweizer Politiker sehen, wenn das Rössli im Ramadan zumacht…
Heute, 9. Oktober. Wieder dasselbe, am heiterhellen Donnerstag. Was denn? Aha, der jüdische Feiertag Yom Kippur diesmal. Nota bene, die Läden sind nicht spezifisch jüdische oder arabische Läden, die eine Boutique, fiel mir auf, hatte sowohl ende Ramadan wie auch heute am Yom Kippur zu. Den nächsten weiss ich schon, das ist ein französischer Feiertag: 11. November, Waffenstillstand von 1918. Wenn nicht noch der Tag des Abschusses des letzten Schweizer Bären dazwischen kommt…
Das Streiten ist des Schweizers Lust
7. Oktober, 2008
Ich muss mal wieder über die Schweizer herziehen. Zu Hause fühlt man sich unter seinesgleichen, da merkt man nicht, wie Schweizer eigentlich so sind. Vielleicht sind sie zu Hause auch nicht so, benehmen sich nur im Ausland daneben. Weil sie denken, dass man in Paris eh kein Schweizerdeutsch versteht. Denkste, Puppe, z.B. ich. Ich hab’s noch nicht ganz vergessen, s’ Schwiizertütsch. Wahrscheinlich gibt es auch danebene Franzosen und Engländer und Deutsche und Papuaneuguineaner. Ich möchte aber aus völlig einseitiger Sicht über Klischeeschweizertouristen schreiben.
Und das ging nämlich so.
Ich ging eines stürmischen Freitagnachmittags ins Centre Georges Pompidou (ausser den blöden Schweizern hat es da nur tolles Zeug drin, wer zeitgenössische Kunst mag – das älteste in der Sammlung sind Picassos und Braques – war sicher schon da oder muss unbedingt mal hin. Doch dies nur am Rande). Ich wanderte gewissenhaft die behangenen Wände ab, ziemlich begeistert ob dem, was ich sah. So kam ich denn zu einem Bild von Günher Uecker, einem deutschen Objektkünstler von internationalem Rang. Das Bild sah so aus:
Noch zur Verdeutlichung: Das ist eine runde Holzscheibe, die mit Nägeln beschlagen ist. Die Nägel sind in Schieflage und spiralförmig angeordnet.
Eben, vor dem Bild standen vier Personen, die sofort erkennbar Schweizerdeutsch sprachen. Ich fand heraus, vom hinsehen: Junges Ehepaar mit Eltern bzw. Schweigereltern auf Parisbesuch. Und die waren in eine lebhafte, wenn nicht sogar ein wenig hässige Diskussion untereinander verwickelt.
§ Nei lug, gsehsches dänn eigetli nöd, die Negel sind esoooo ume n iigschlage.
* Ja, das gsehni tänk scho, aber wäg dem flüssts doch gliich i di anderi Richtig, nämli sooo ume. Im Uhrzeigersinn gönnds, die Negelchöpf zeiged id Flussrichtig, weisch.
% Da mues ich minere Tochter biipflichte, es sind äidüütig d Negelchöpf wo id Richtig zäiged.
§ Sonen Säich, isch doch logisch, das wännds gägede Uhrzäigersinn iigschlage sind, dasses äu i die Richtig zeiged!
% Lug, ich han äifach meh Erfahrig mit dene Sache, Ich wäiss halt äifach vil drüber, und da isches ganz klar, dass die Negel im Uhrgzeigersinn aagordnet sind.
§ Äh bah!
% Weisch, ich cha mich ganz guet i das ine versetze, was Du gsehsch, aber wer’s verschtaht, de gseht’s äifecht andersch.
Es wird langsam laut, die Stimmern erheben sich, wenn man vergleicht, dass die andern Besucher sich meistens flüsternd unterhalten…
§ Das isch mier doch gliich, für MICH gseht’s eben andersch us.
% Ja ebe, aber wäge dem-
* Mami, bitte, es hät kä Wärt!
- der Schweigervater schon lange in den nächsten Saal abgeschlichen, der Schwiegersohn sich beleidigt demonstrativ einem andern Bild zuwendend -
Ich schmunzelnd weiter. Im Nachhinein frage ich mich tatsächlich selber, in welche Richtung diese Nägel eigentlich zeigen. Etwas habe ich aber gelernt: Diese obige Personenkonstellation in einem Museum: Brandgefährliche Mischung. Besser ins Kino gehen, da muss man den Schnabel halten!

