Heute betreibe ich economiesuisse-bashing. Aus aktuellem Anlass, ich habe das Mittagsschurnaal auf DRS 2 gehört und dort ein bisschen gestaunt. Die economiesuisse, Verband Schweizer Unternehmen, liess u.a. folgendes raus:

„Leistungsvergleiche in der obligatorischen Schulzeit und auf der Sekundarstufe II decken landesweit Leistungsunterschiede auf und fördern die Qualitätssteigerung. Leistungsabhängige Studiengebühren auf der Masterstufe belohnen erfolgreiche Studierende. Gleichzeitig sorgt eine leistungsorientierte Finanzierung der Hochschulen für einen sparsameren und gezielteren Umgang mit Steuergeldern. Diese Finanzierung wirkt als Anreiz, indem sie die Leistung und Qualität der Studierenden belohnt“ (Zit. aus: http://www.economiesuisse.ch/web/de/aktuell/WebNews/Seiten/news_mk-leitlinien-bildung_20080423.aspx, besucht am 23. April 2008).

Was heisst das? Leistungsabhängige Studiengebühren, mit diesem Ausdruck beweisen Schweizer Wirtschaftsführer, dass sie von Bildung keine Ahnung haben, obwohl viele von ihnen wohl auch einmal an einer Schweizer Hochschule studiert haben. Sollen fleissige (das wäre noch zu konkretisieren, was fleissige Studenten sind) Studenten Gebührenreduktion erhalten, nicht so EFFIZIENTE Studis mit einer Erhöhung der Gebühren zu grösserer Leistung motiviert, wenn nicht sogar recht eigentlich bestraft werden? Egal in welcher Form so etwas jemals umgesetzt wird (ich hoffe ganz unbrünstig, dass nicht!), es ist brandgefährlich für die Hochschulkultur eines Landes.

Ein grundsätzlicher Gedanke der Wirtschaft zur Bildung: Sie muss besser rentieren, womöglich sollen schon Kindergärten Gewinne einfahren, positive Bilanzen aufweisen am Ende des Geschäftsjahres. Weil die Kindergärtnerstelle von Nestlé oder der Credit Suisse gesponsert wird. Dieser Gedanke ist grundfalsch. Trotz der grammatikalischen Unmöglichkeit, falsch zu steigern: fälscher gehts gar nicht. In die Bildung wird primär und eigentlich einzig investiert, um dieses Unwort zu gebrauchen. Investition tönt aber nach Gewinnorientierung. Was die economiesuisse mit ihrer Haltung anstrebt: Kurzfirstigen, unmittelbaren Gewinn aus den BILDUNGSUNTERNEHMEN selbst. Ist gar nicht möglich. Der Gewinn kommt dann schon. Aber erst 20 Jahre später, wenn der ehemalige Kindergärteler , ehemalige Hochschulabsolvent auf einem relativ hohen Lohnniveau ins Berufsleben einsteigt und kräftig Steuern zahlt, mit seinem Wissen der Wirtschaft als Arbeits- und Denkkraft fette Gewinne beschert. Vorher nicht. Vorher wird gezahlt und noch einmal gezahlt für die Bildung. Eine Uni oder eine Schule kann nie rentieren. Das zahlt sich erst viel später aus (wer das nicht sieht, soll sich besser drum kümmern, dass die UBS wieder rentiert).

Jetzt will man also Bildung rentabel machen, indem man bei den armen Studenten ansetzt. Heutige Semestergebühr: Lächerliche 600 Fränkli. Diese bei fleissiger Arbeit zu reduzieren, bringt kaum Rendite. Also fordert die economiesuisse implizit, dass die Studiengebühren massiv (wennmöglich wohl bis zur Studienplatzfinanzierung) erhöht werden müssten, um Anreize zur Reduktion zu schaffen. Eine absurde Idee. Studenten haben auch schon heute genug finanzielle Probleme bei niedrigen Gebühren und müssen sich ihr Studium durch Nebenjobs verdienen, weil aus RENTABILITÄTSGRÜNDEN kaum mehr Stipendien, sondern nur noch Darlehen zur Studienfinanzierung angeboten werden. Denn was teuer ist, sind nicht die Gebühren, sondern das Leben, Wohnen, Essen, Studiumsbedarf (Bücher, Laptops), öV-Abos, Krankenkasse, etc. Wer fleissig studieren soll, muss schneller studieren als andere, das heisst, in weniger Zeit mehr Stoff bewältigen (worunter dann wieder das nachhaltige Lernen leidet und so der Gedanke einer akademischen Ausbildung vollständig verhunzt wird) als die normalen faulen Studis. Der hat dann gar keine Zeit mehr zu Arbeiten. Womöglich lohnt sich für den einzelnen Studenten die Gebührenreduktion dann finanziell gar nicht mehr.

Liebe economiesuisse, das war ein Schuss hintenraus. Ich hoffe, dass dieser wirtschaftlich motivierte und unverdaute Furz von vielen FACHLEUTEN noch ordentlich zerzaust wird.