Grundlagen der Statistik

8. Januar, 2008

Wenn man mit der Rhätischen Bahn die Albulastrecke fährt, erlebt man ein Phänomen. Um dieses zu erklären, bedarf es einiger einleitender Ausführungen. Eine Strecke, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln befahren wird, hat meistens zwei Endstationen und dazwischen mehrere, ja was denn? Zwischenhaltestellen, eben. Häufig gestaltet sich die Streckenführung so, dass sie zwischen den zwei Endstationen durch ein von starkem Verkehrsaufkommen geprägtes (geplagtes) Zentrumsgebiet verläuft. Mit Verkehr meine ich auch Fussgänger, die dieses öffentliche Verkehrsmittel benützen. Würde man zwischen zwei Stationen die Anzahl Fahrgäste zählen, befänden sich ziemlich sicher in der Zentrumsgegend ganz viele im Tram oder im Bus. Je weiter weg sich man sich vom Zentrum bewegt, desto weniger Fahrgäste befinden sich darin. Die Verteilkurve würde nach vielen Messungen wohl einer Gauss’schen Normalverteilung gleichen. Eine schöne Glockenkurve, am meisten Passagiere im Zentrum, immer weniger, je weiter weg davon.

Dann gibt es noch die Albulaverteilung, saisonal bedingt nur im Winter zu beobachten. Der Zug von Chur nach St. Moritz fährt in Chur fast leer ab. In Reichenau-Tamins, Thusis, Tiefencastel und Filisur steigt die Passagiezahl nur fast unmerklich an. Dann passiert das Unglaubliche: In Bergün/Bravuogn explodieren die Passagierzahlen. Wahre Heerscharen von Schlittelwütigen stürmen die Eisenbahnwagen, schlagen den überrumpelten Fahrgästen ihre Davosergestelle um die Ohren, noch dampfend vor Adrenalin vom letzten Rodelrun. Hundert Brücken und Tunnelkehren und eine halbe Ewigkeit später hält der Zug in Preda. Die Waggons stürzen nun fast in sich zusammen, mit solcher Wucht entleert sich die Schlittelmasse ins Freie. Eine richtige Implosion findet nun statt. Man kriegt fast Atemnot, doch da ruckelt der Zug schon weiter in den nächsten Tunnel. Gespentisch leise und leer ist es nun, wie vorher, nur alles ein bisschen nässer, hie und da ein vergessener Handschuh. Ist man wieder bei Sinnen, kann man sich diese bemerkenswerte Verteilung grafisch ausdenken: Es gibt keine Glocke, sondern einen Kasten. Die Passagierzahl verändert sich von Chur bis Bergün kaum, das ergibt also einen geraden, waagrechten Strich. In Bergün springt die Zahl auf einmal ganz hoch, und zwar senkrecht. Also ein Strich 90° zum waagrechten Strich. zwischen Bergün und Preda verändert sich die Passagierzahl alsdann kaum. Einzelne Schwankungen können auftreten, manchmal jättet es einen durch die altmodische Klospülung oder jemand fällt vor lauter Freude an der Aussicht zum Fenster raus. Insgesamt gibt es wieder einen waagrechten Strich, aber natürlich höher als der vorherige. In Preda stürzt die Zahl wieder senkrecht nach unten, und bleibt in etwa auf ihrem tiefen Niveau bis St. Moritz bestehen. Wer da kein Kästli sieht, ist um seine mangelnde Vorstellungskraft zu bemitleiden. Ich kann da nur den Besuch einer Selbsthilfegruppe oder eines Seminars beim Bundesamt für Statistik empfehlen.