Altersschwächen

24. Oktober, 2007

Heute habe ich mal anständig Zmittag gespiesen. Warum? Ich habe Geburtstag. Da liessen ein paar Herren Studenten und ich Strafprozessordnung Strafprozessordnung sein (schon nur wegen des schrecklichen Wortes an sich) und verzogen uns ins „le mazot“ am Bärenplatz. Beim Eintreten in die gute Stube (und so ist sie ja eingerichtet, wie ein Wollissär Scholee) wird man gleich vom dicken Käsegeruch eingehüllt, um nicht zu sagen eingedickt – eine olfaktorische Speisekarte sozusagen. Süskinds Jean-Baptiste Grenouille hätte es umgehauen, kann ich euch versichern. Es war klar, das wir Fondue muatiee-muatiee bestellen würden, zu diesem Zweck verschlug es uns ja auch ins „le mazot“.

Als kleiner Exkurs möchte ich erläutern, warum ich gerne in Beizen sitze: Der andern Gäste wegen. Ich schaue die einfach gerne an. Jedes Restaurant hat seine Kundschaft. Teilweise sehr unterscheidlich. Zur Illusttration: Den typischen „le-mazot“-Gänger würde man nie und nimmer im tibits am Bahnhof antreffen. Und vice versa. Ich bin wohl ein orientierungsloser Tropf, bin ich schon in beiden Lokalen gewesen… Im mazot also, da tragen die Männer Backenbärte, bestellen Bier und Rösti. Die Damenschaft trägt rosarote Jäggli mit falschen Goldknöpfen, zu kleine Schuhe, hat blondierte Haare und geht jede Woche zum Guafför. Die Gäste schauen sofort auf, wenn man wie wir Studis über die vergangenen Wahlen zu diskutieren beginnt und über den Abgang der Schweizer Demokraten aus dem Stöckli frohlockt. Übertrieben haben wirs aber nicht, wir wurden nicht rausgeschmissen. Wir haben pflichtbewusst auch noch ein bisschen über die SP-Glünggis hergezogen. Wir wissen ja eh alles besser.

(Das Fondue hatte einen richtig guten Geschmack, war aber zu flüssig).

Zu des Anfangs Beginn wollte ich eine Stange bestellen. Meine Order verhallte wie ungehört in der Stube, die Servöse lächelte mich verschwörerisch an, wie wenn sie mich bei etwas ertappt hätte, den kleinen Schlingel. Dann stellte sie die Frage (gopf, an meinem 21. Geburi!! Vielleicht hatte es damit zu tun, dass ich neben einem noch jugendlicher als ich aussehenden Kommilitonen sass): „Schon Achtzehn?“ Ich beantwortete die Frage geschmeichelt mit „Aha, ja, mercischön!“ Meine Freunde und die Serviergurke schauten mich verstört an. Sie wiederholte ihre Frage. Sie hatte einen leicht ausländischen Akzent drauf, sprach vom andern Tischende zu mir. Bei angekommen, tönte die Frage eben: „Schöner Akzent!“ Ich als guterzogener Bürger bedankte mit recht höflich bei ihr für dieses Kompliment. Ich spreche wohl schönes Berndeutsch… nur verstehen tu ich nix. Wohl die allmählich einsetzende Altersschwerhörigkeit. Jemand übersetzte mir dann in die wahre Bedeutung. Da ich nun vor Lachen nicht mehr antworteb konnte, nahm sie die Frage als mit ja beantwortet auf, ich erhielt zwei Minuten später mein Bier.

Nach anderthalb Stunden alles Käse verliessen wir die güte Stübe, ich selbst klam mir mittlerweilen wie ein Käse vor. So riecht ein rechtschaffener Schweizer eben. Wie sagte Cés Keiser eben: Der Appenzeller frisst den Käs mitsamt dem Teller, damit er klein, stur und trotzig bleibt.

Proscht.

Grandmother’s Painkiller

11. Oktober, 2007

Ich war kürzlich im RBS-Bähnli Linie S9 Richtung Bern unterwegs, meine Nase gelangweilt in ein Gratiskäseblatt steckend, da hörte ich, wie im Abteil nebenan über den vergangenen Samstag. den Krawallsamstag diskuiert wurde. Da ich ja gerade über die Meinung der Presse geschrieben hatte, dachte ich, mir mal die Meinung des Volkes anzuhören. Das Volk bestand in diesem Fall aus vier mehr oder weniger angealterten Damen, alle mit zu engen Lederschüeli und braven Einkaufstäschen. Eine hatte einen dieser Shoppingrollatoren dabei. So einer wo im Bus im Rank geng kippt. Diskutiert wurde so, wie man es ja erwarten musste: Eine war die feder- bzw. mundführende Quasselstrippe, eine andere versuchte mit lauten Jajaaa-Bekenntnissen im Redeschwall der Ersteren eine Luftschnapplücke zu ergattern, um ihre eigene Meinung kundzutun, die restlichen zwei nickten stets verständnisvoll bis senil. Was diese ordentlichen Grosis rausliessen, konnte allerdings sogar den beiden Christöpher (der Blocher und der Mörgeli) ein wenig Polemik lehren:

„Ja, dä Schwarz Block da,“

„- Jajaaa -“

„dä Schwarz Block, dä sött me eifach verbiete“.

„- Jajaaa -“

„Wüsster, i däm Amerika, da heis d Polizischte viiiiiil eifacher, die chöi, wes strub zue und här geit, eifach mit de Pischtole schiesse. Aber hie ir Schwyz, da mues dr Tschugger zersch dr Polizeidiräkter ga frage, öb er em Chaot äch mitem Stöckli eis dörf über d Rüebe zieh – nume nid zfescht, schüsch chönnts em no weh tue!“

„- Jajaaa!“

Also diese Grossmütter sind ja noch viel schlimmer als jeder Rechtspopulist! Die wollen einfach rumballern. Auf unschuldige Schwarze Schafe. Ich wette, die haben in ihren blüemeleten Einkaufstaschen stets eine geladene Schrotflinte dabei. Die wahre eidgenössische Landesverteidigung ist in Altersheimen zu Hause. Dort basteln sie nicht Blumenkränze (diese, um den Enkeln etwas mitzubringen und misstrauische Söhne und Töchter irrezuführen, kaufen sie engros aus Gefängniswerkstätten), sondern Handgranaten und Blumenkohlwerfer. Statt Schmerztabletten nehmen sie Speed und Koks. Und am 21. Oktober sprengen sie das Bundeshaus in die Luft. Ich rieche eine neue Verschwörung.

Jetzt hat’s mich erwischt. Ihr wisst schon, wegen dem Samstag in Bern. Werde ich halt auch mal ein bisschen politisch. Was diese Potiliker (kein Schreibfehler, ich wotts esoo, die haben’s nichht verdient, korrekt als Politiker bezeichnet zu werden), also von links bis rechts, von grün bis braun (sic!) bieten, das geht ja uf ke Chuehut. Also ich war da an diesem Samschti natürlich in Basel, engagementshalber, hatte einen FEYDAY-Gig im Sudhaus Basel. Doch das ist eine andere Geschichte. Mitbekommen hab ichs ja trotzdem, übers Autoradio, beim Vorbeifahren morgens um 1 bei der Reithalle und in den nächsten Tagen in der Presse. Die Schweizer Presse kennen wir alle: ein Gemöögg über einen misslungenen Polizeieinsatz, dass das Grundrecht auf freie Meinungsäusserung, das ja auch der SVP zusteht, mit Füssen getreten und mit mit Pflastersteinen beworfen wurde, dass die EURO 08 in Gefahr sei, dass das linke Pack und überhaupt. Ich habe mich mal ein wenig in der ausländischen Presse rumgeschaut. Die New York Times, Le Monde, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Corriere della Sera sehen das Ganze ein wenig anders: Im Ausland siedelt man die SVP als rechtsextreme Partei an, die erschreckenderweise die stärkste Partei in der Schweiz ist. Nach aussen sieht die Schweiz wie ein sehr fremdenfeindliches, wenn nicht sogar rassistisches Land aus. Die Idee der SVP, bei Straffälligkeit eines minderjährigen Asylaufenthalters gleich die ganze Familie aus dem Land auszuweisen, wurde mit der „Sippenhaft“ der Nationalsozialisten unter Hitler in Deutschland verglichen. Das schreibt nicht ein Käseblatt, sondern die renommierte New York Times. Auch im Ausland wird „unser“ Wahlkampf als äusserst aussergewöhnlich taxiert, man nimmt erstaunt zur Kenntnis, wie hässlich es in unserem Land als allgemein demokratisches Musterbeispeil dieser Welt zu- und hergeht. Ich weiss nicht, ob ich mich für „mein“ Land jetzt schämen soll. Schliesslich haben da ein paar Hitzköpfe die Sau rausgelassen, die wohl schon nicht für die ganze Schweizer Bevölkerung stehen. Und in einem Mehrparteiensystem kann es auch keine Erdrutsch-Machtwechsel geben, auch wenn die SVP jetzt noch das Bundeshaus anzündet und es den Sozis in die Schuhe schiebt…

Ich bin vielmehr einigermassen froh darüber, dass bei meiner smartvote.ch-Wahlempfehlungsliste (obwohl dieses lustige Internettool auch nicht über alle Zweifel erhaben ist) kein einziger SVPler aufgetaucht ist. Ich weiss allerdings nicht, was ich mit den SPlern und Grünen machen soll, denn die haben ja indirekt am Samstag auch Mist gebaut und sind danach auch nicht drüber gestanden, sondern haben sich in absurden Schuldzuweisungen geübt. Ich glaube fast, ich wähle mich und meinen Hund.

Da ja seit geraumer Zeit das faule Studentenleben wieder begonnen hat, will ich es nicht versäumen, diesem Aspekt meines Daseins (denn Student bin ich wahrlich, wenn nicht gerade ein fauler, so doch einer, der fast vergessen hat, was Stress bedeutet) wieder einmal einen Eintrag zu widmen. Zur Einstimmung nur so viel: Es geht zügig Richtung Bachelorprüfungen, und da muss man kräftig üben, Mörder mit dem StGB in die Pfanne zu hauen, Menschenrechtsverstösse mit verwirrenden Erlassen gutzureden und Demos zu verbieten, ferner Schadenersatzansprüche für simulierte Schäden mittels OR und ZGB gutzuheissen. Dazu beteilige ich mich an einer fleissigen Lerngruppe. Ich will meine Leserschaft ja nicht mit sodigem Strebertum vergraulen. Glücklicherweise hat unser Sekretär ein Protokoll über unsere letzte Session verfasst, wessen Inhalt ich hier nicht verheimlichen möchte. Das Protokoll gibt ziemlich genau wider, wie es bei uns zu und her geht (zukunftsweisend für den Betriebsleitfaden unserer später einmal zu gründenden Anwaltskanzlei Blödel & Partner):

Protokoll (Anm. d. Red.: Inkl. Orthographiefehler des Protokollführers)

Auch Nicole ist dabei. Sie kommt aber erst 14.15 Uhr

Begründung ausstehend

Es ergeht einstimmig der Entscheid, noch auf die Herren Fey und Grehn zu warten

 Tom räuspert sich.

Er fragt, ob es nervend sei, es ist ihm aber ohnehin egal.

Tom geht raus und probiert die Distanz aus. Wir hören ihn auch aus dem Garten. So penetrant!

Silvan meldet sich und erzählt Unnützes Zeug, von Mikrofonen in der Cafeteria (menschenrechtskonform?)

Tom kann es nicht fassen.

Er geht und setzt sich auf das Bänklein neben die schwangere Frau. Wir sollen Zeichen geben.

Wir haben immer noch Empfängnis mit Tom.

So geschrieben am 1. Oktober 2007 in einem Hörraum der Uni Bern an der Schanzeneckstrasse. E vero, no ben trovato!!! Eugène Ionesco hätte es nicht besser gekonnt. Die besten Geschichten schreibt das Leben, bzw. unser sich am Rande der Übergeschnapptheit befindender Protokollführer (Name der Red. bekannt).