Wir nennen die Ortschaft schlicht Hinter Tägertschi, oder Vor Schüpfheim, einfach weil sie sich zwischendrin befindet. Dort trutzt an einem Hang bei der Hauptstrasse Richtung Gaggoland eine Gastwirtschaft helvetischen Schlages. Nennen wir sie „zum Rössli“, geradesogut auch „Sternen“ oder „Traube“. Die Einrichtung ist… helvetisch. Täfer an der Wand. Holztische und Stühle gleichen Materials, verwaschene Tischüberwürfe von grober Machart, kariert. Eine Gedenktafel des lokalen Jodlerklubs, der auch schon 95 Jahre die Stimmbänder seiner Mitglieder strapaziert. Weil ich Teil einer grösseren Gesellschaft bin, habe ich die Ehre, im von der Gaststube abgetrennten Säli mich zu platzen. Welche Glückspilze sind wir, ist die Beiz unerklärlich leer an diesem Sonntagabend, wir haben unangemeldet und unreserviert Platz. Das Säli ist ein innenarchitektonisches Bijou der 70er Jahre, natürlich so belassen wie damals. Also eine spezielle Erwähnung wert. Vergilbter Spannteppich, Dunkler Täfer an der Decke. Wieder das grobe Tischtuch, aber in weiss. In der hinteren Ecke krümelt eine Vitrine mit Weingläsern drin vor sich hin, ein paar müde Blumentöpfe auf dem Tisch machen die Atmosphäre noch erdrückender. Die Beleuchtung lädt zum hurtigen Verlassen des Raumes ein. Wir bleiben dennoch, mangels Alternativen, und bestellen, was uns zur Bedienung bringt.

Die Bedienung ist… helvetisch. Man schämt sich, wagt sich beinahe nicht, etwas anderes zu bestellen als eine Stange, weil die Servier(tochter ist sie schon lange nicht mehr, eher Mutter oder drüber, ich finde passend: Flueh. Die Frou isch e Flueh. Mit Stierennacken und tödlichem Blick) dann nicht einen weiteren Strich hinter das Wort Stange auf dem Bestellzettel malen kann, sondern neu Riv. Rot kritzeln muss. Ein zusätzlicher Aufwand zu später Stunde, kaum zu rechtfertigen. Da will dann noch einer Riv. Blau, der Skandal ist perfekt. Wahrscheinlich darf man am Schluss gar nicht in Geld bezahlen, sondern muss seinen Frevel am Geschirrtrog morgens um 2 abarbeiten. Einige besonders Verwegene entschliessen sich, nicht nur die Dessertkarte zu konsultieren, sondern daraus auch noch eine Order aufzugeben. Doch sie werden gerecht bestraft: „I hätt gärn e Coupe Alice“ – „e Coupe WAS weit dr???!?!??!?!?!?“ Sollte man verbieten, die Coupe Alice, ein Schandfleck auf der erlesenen Dessertkarte des RössliTraubeSternen. Finde ich doch auch.

Eine zweite Schönheit, Nichte des Ötzi wohl, bringt weitere Getränke. Wir sind bass erstaunt, wir werden nicht zusammengestaucht für unsere Anwesenheit, unser Geborenwordensein und unseren Durst, nein, gar nichts. Die stumme Schönheit. Vor 5′300 Jahren war sie schön.

Ein bisschen schöneres Wetter gibts dann aber doch noch bei unserer Mätresse, als sie den Schoggi-Caramel-Chopf eines Tischnachbars mit Orangenbenzin flambieren darf. Vielleicht aus dem Grund, dass sie sich mutmasslich während des Flambiervorganges vorstellte, nicht ein zuckeriges Dessert zu flambieren, wohl aber den Kopf des Kunden, der das Ding bestellt hatte.

 Ich stelle mir auch so einiges vor und entschliesse mich, zu zahlen. Und siehe da, Madamm akzeptiert Cash und ich kann noch vor Mitternacht und ohne einen Teller abgewaschen zu haben, obwohl ich der Übeltäter mit der Rivella Rot war, das Lokal verlassen.