Gestern habe ich mir ein Konzert der Second Line Big Band in der Mahogany Hall reingezogen. Im ersten Set gab es Big-Band-Jazz, also Swing und Latinnummern, in guten Arrangements zu hören. Das Zweiten Set gings funkyg zu und her, ein guter Kontrast, ein gelungener Abend. Einen showerprobten Sänger hatte die Band auch dabei. Der brachte seine Songs sehr überzeugend (und überzeugt) rüber. Bis auf eine Nummer, von der ich weniger überzeugt war als von allen andern. Es handelte sich notabene um eine Eigenkomposition des Gitarristen von Second Line. Sie wurde vielversprechend als Mundartsong angekündigt. Wenn ich „Mundart“ höre, erwarte ich natürlich nichts anderes als BÄRNDÜTSCH. So sahen es auch meine Orchesterkollegen und -Kolleginnen, die sich ebenfalls im Publikum befanden. Der Schock sass tief, als „Mundart“ züritüütsch (absichtlich klein geschrieben) bedeutete. Dazu der Titel des Songs: Schwing dein Ding. Dem Titel konnte natürlich kein anderer Inhalt zugeschrieben werden als dessen ausschliesslicher Bezug auf Swing, also die ternäre Rhythmusform des Jazz. Ist ja ganz klar. Auch wenn die Lyrics penetrant nichts anderes verkündeten als SchwingdeinDingSchwingdeinDingSchwingdeinDing-da-bi-du-bi-dah-dah. Ich verzichte darauf, eine Inhaltsanalyse des zweiten Substantivs, das den Titel ausmacht – Ding – vorzunehmen. Nach dieser Glanznummer fand die Band aber schnell wieder zurück in ihre fägige Musik und ich war wieder glücklich.  Nach dem Konzert gings mit Swing in den Beinen altstadtwärts über die Nydeggbrücke. In der Junkere kehrten wir noch kurz ein und fachsimpelten über die Vor- und Nachteile, wenn man einen Stiefel bestellt, wie es am Nachbartisch geschehen war. Ein Nachteil überwog nach unserem Befinden: Wenn man nicht schnell genüg schütten kann, wird das Bier warm.  Wir machten uns auf den Weg Richtung Bahnhof, um den Abend zu beschliessen, aber kamen nicht weit. Eine junge Dame hielt uns an und fragte: „Hey, hey, sorry schnäu (oh nein, die will sicher e Schdutz fürd Notschlafstell. Aber halt, schau doch mal hin, LappituedOugenuf, die ist ja so alt wie wir, total aufgetusst, um nicht zu sagen aufgebitcht – ), isch hie unge öppis los, wüsst dir, wo hie öppis los isch?“ Sie war sichtlich gestresst, mit der kalten Angst im Nacken, in dieser angebrochenen Nacht nichts mehr zu erleben, dabei hatte sie heute extra ihre brandneuen Guccischlüpfer an die Füsse gezwängt… Da sie mir einigermassen hübsch erschien, versuchte ich es mit folgender Masche: Ich machte sie darauf aufmerksam, dass mit unserem Abgang Richtung Bahnhof in der unteren Altstadt natürlich nichts mehr los sei. Sie quittierte diese doch unmissverständliche Empfehlung, für gutes Entertainment sich uns anzuschliessen, mit einem indignierten Nasenrümpfen und stöckelte genervt von dannen. Ich werde diese Masche wohl doch nicht patentieren lassen und muss wohl oder über noch ein wenig an meiner Anmachtechnik feilen.

Heute habe ich eine Wette gewonnen. Leider gab es nur geistigen Gewinn in Form von erfüllter Schadenfreude, materielles hat dabei nicht herausgeschaut. Zu relativieren ist vielleicht noch, dass mein Wettgegner dieselbe Position wie ich eingenommen hatte, also gar kein richtiger Gegner war. Das konnte mich jedoch nicht verdriessen, aus der am Schluss eingetretenen Win-Win-Situation konnten wir beide wie gesagt geistiges Kapital in Form von tiefer Genugtuung schlagen.

Es isch e so gsy:

Ich marschierte um 08.04 Uhr stramm gegen die UniS, im Begriffe, einer historisch wertvollen Vorlesung beizuwohnen, nämlich der letzten unseres abtretenden Römischrechtprofessors. Doch diese Gedanken waren noch gar nicht Gegenstand meiner Aufmerksamkeit, vielmehr musste ich immer über den Bahnhof Richtung Inselspital blicken. Was sich meinen glotzenden Augen präsentierte, war beinahe apokalyptisch, wenn ich mal so plump sein darf. Rabenschwarz war’s, nicht mal der Mond schien helle. Und erdrückend. Wie wenn der böse Sauron das Schwarzenburgerland seinem düsteren Reich einverleibt hätte. Doch ich schweife ab. Ich war nämlich im Unigebäude angekommen, hatte den Vorlesungssaal betreten und wollte mich gerade hinpflüttern (na gut, um mich so richtig nach alter Kunst pflüttern zu können, müsste ich wohl mindestens 40 Kilogramm mehr Fett am Ranzen haben), da erhob sich mein Kollege, der Marius. Er müsse noch schnell in die Juristische Bibliothek, ein Buch zurückgeben, verkündete er. In 5 Minuten begann die Vorlesung?? Noch nicht Grund genug, kräftig zum Hauptgebäude zu beinerln. Doch da fiel mir die schwarze Wand in Bern West ein. Ich machte Monsieur fröhlich darauf aufmerksam, vor allem, dass diese sich unaufhaltsam und unberechenbar schnell Richtung Bahnhof und Uni bewege - er ging trotzdem seines Weges.

Nun kommt die Wette. Ich schloss sie mit meinem Banknachbar ab. Marius werde vom Unwetter getroffen, und wenn nicht die Schanzenstrasse runtergespült, so doch pitschnass Römisches Recht hören. Und da passierte es: Ich hatte das Gefühl, mitsamt dem Hörsaal im Ozean versenkt worden zu sein. Dermasse hets ad Schibe HÄREBRÄTSCHET. Ich wunderte mich, warum keine Seegurken an den Fenstern vorbeigurkten. Und der Marius war noch nicht da. Punkt 08.15 Uhr (mit dem akademischen Viertel) stand er an unserer Bankreihe, und mit ihm, an ihm (in ihm?) ca. 235 Hektoliter Wasser, die noch abtropfen mussten. In der Hand hielt er ein aufgeweichtes Bibliotheksbuch – man konnte es nur in der Stadtbiblere zurückgeben und nicht in der JBB…

Zum Abtropfen ist noch zu erwähnen, dass Marius beschloss, sich à la mode d’un chien unmittelbar neben mir auszuschütteln. Bei Hunden ist das scheinbar ein Zeichen der Freundschaft, bei Marius weiss ich da nicht so recht. Meiner eingangs erwähnten Schadenfreude tat dies keinen Abbruch, ich kicherte noch minutenlang unkontrolliert in meinen Kugelschreiber hinein.

Witz des Tages: Was machen ein Mediziner und ein Musikwissenschaftler, wenn der eine den andern zu Hause besucht?

Der Mediziner zockt zwei Stunden lang World of Warcraft und der andere schaut zu.

Witz Nr. 2 des Tages: Was passiert, wenn ein Mediziner sich bei seinem Stammcoiffeur von der Lehrtochter die Haare schneiden lässt?

Er bekommt eine Frauenfrisur verpasst.

Nur nebenbei: Die besten Witze schreibt das Leben, und nicht etwa Peach Weber oder ein anderer bemitleidenswerter Bierzeltkomiker. Doch über die schwarzen Tage meiner Kindheit, als ich den noch lustig fand, wollte ich gar nicht schreiben.

Ich wollte darlegen, wie das ist, wenn man das zweifelhafte Vergnügen hat,  den Abend mit zwei Hornisten zu verbringen. Einer davon ist ein Mediziner mit Spielsucht und Frauenfrisur (sic!). Zuerst sah ich die beiden im Konzert. Mendelssohns Lobgesang für Orchester, Chor und Solisten. Quintessenz der musikalischen Darbietung: Welcher der beiden Horner darf zwecks Geschenkübergabe während des Applauses die hübschere Solistin küssen? Der Gschwindere war der Schnellere oder der mit den längeren Beinen (?). Damit wäre ein zentraler Aspekt im Leben von Blechbläsern abgedeckt.

Weiterer grundlegener Lebensinhalt: Ein Glas Wein im Kornhausbistro. Beim edlen Tropfen wachsen Hornisten bekanntlich über sich selbst hinaus. So beherrschten sie virtuos die Klaviatur des Orchesterklatsches. Sie meisterten die atemberaubende Schwierigkeit, über Personen schamlos herzuziehen, die in unmittelbarer Nähe am selben Tisch sassen, mit spielerischer Leichtigkeit. Als wärs ein Doppelhornkonzert. Aufmerksames Zuhören konnte mir also trefflich zur Verfeinerung der Kenntnisse im zwischenmenschlichen Bereich jenes Orchesters gereichen. Etwas anderes war hingegen nicht so einfach zu handhaben: Man rang damit, den angebrachten Zeitpunkt für einen hässlichen Blondinenwitz zu erwischen. Dies ist nun wahrhaftig kein leichtes Unterfangen, in seiner Komplexität nicht zu unterschätzen: Primär geht es mal ums Licht, da wird mir jeder Film- und Theaterregisseur Recht geben. Es wäre aber zu simpel, die Atmosphäre z.B. anhand einer brennenden oder nicht brennenden Kerze zu beurteilen. Gesetzter Fall, die Kerze brennt, muss man vielmehr die Intensität oder die Schummrigkeit der Flamme, den Grad der Wachsverbrennung und die Menge des auf den Unterteller geronnenen Wachses in die Erwägungen miteinbeziehen. Weitere Faktoren sind noch die Verrauchtheit (nicht Verruchtheit, in einem verruchten Lokal wäre es ein Affront, KEINE Blondinenwitze zu erzählen) der Gaststätte, die Zusammensetzung der bestellten Getränke auf dem Tisch und die Anzahl Blondinen an demselben. Nach eingehender Untersuchung , Sachverhaltsermittlung und Rechtsfolgeabwägung lautete das Dispositiv auf Sistierung der witzigen Darbietung bis auf weiteres. Bis auf weiteres hiess, bis sich die Umstände bzw. das Publikum geändert haben würden.

Dies sollte in absehbarer Zeit geschehen: Nachdem zwischen den Disziplinen der Psychologie und der Humanmedizin respektive den Kantonen Bern und Wallis unüberbrückbare Differenzen festgestellt wurden, die nur mit Handgreiflichkeiten hätten gelöst werden können, sah man sich in allgemeiner Aufbruchstimmung. Da war der Moment gekommen, den einen oder andern Witz zu platzieren. Bis auf eine Eiswürfelschlacht am Kornhaus war der Abend somit weitgehend begangen und abgeschlossen.

Jetzt läge es an mir, diesen inhaltsstiftenden Witz auch der werten Leserschaft kundzutun. Nach ebenso gewissenhafter Abwägung der Umstände wie am vergangenen Abend sehe ich den geeigneten Zeitpunkt noch nicht gekommen. Erstens ist der Witz wirklich unter jeder aller Sau. Zweitens würde das ein Grossteil meiner Leserschaft auch finden und sich so markant verkleinern, wenn nicht gerade sich konkludent verabschieden von meinen literarischen Ergüssen. So würde mir am Ende nichts anderes übrigbleiben, als durch verruchte Lokale zu streifen und dort mit zotigen Blondinenwitzen um etwas Aufmerksamkeit zu buhlen. Und das wäre doch nun wirklich ein Jammer, nicht wahr?

Darum schliesse ich mit den Worten:

Stay crazy, man!

Der Bund, seitdem er von Charly an die Bööggen verscherbelt wurde (stimmt so nicht ganz, einen Teil davon hatte die NZZ ja schon vorher) nicht mehr Berner Intelligenzblatt, sondern Zürcher Provinzzeitung, hat es sich auf die Fahne geschrieben, zur Chefsache erklärt, ausführlich über die Grossbaustelle Bahnhofplatz Bern zu berichten. Grooosse Fotos

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Grooossser Bagger.

von Groooossen Baggern und viel Buchstaben drum herum. Naja, da kann ich es mir auch nicht verkneifen. Denn wenn man wie ich einmal an diesem Caterpillar-Trax vorbeigegangen ist, will man es wieder tun. Und darüber schreiben. Das ist einfach geil, sowas! Diese Maschine ist mehr als doppelt so gross wie ein herkömmlicher Baustellenbagger, und die sind ja auch nicht so klein, dass sie gerade in meine Hosentasche passten. Neben diesem Teil tanzen die kleineren Bagger Ballett. Ich sah ihn mal mitten in der Spittelgasse, wie er sich an Tramschienen delektierte. Er wütete und es chroosete und täschte, dass sich buchstäblich die Balken (und der Beton) bogen.  Der Baggerführer sitzt in seiner Kabine auf der Höhe des ersten Stockwerks der Altstadthäuser nebendran. Es sah aus wie in einem Endzeit-Science-Fiction-Film! Ich übertreibe nicht. Die Höllenmaschine, geduckt wie ein Grizzlybär, Menschen zu Ameisen machend, inmitten von Trümmern und Chaos. Unaufhaltsam das Eisen aus dem Pflaster reissend. Jedes Mal, wenn ich den Bahnhofplatz queren muss, versuche ich, einen Blick auf das Ungetüm zu erhaschen. Das ist auch die einzige Freude, die einem eine Bahnhofplatzquerung machen kann. Der Rest ist Mühsal: Die Massen quetschen sich durch eingezäunte Kanäle, auf den Bus rennen ist unmöglich. Später findet man heraus, dass der Bus, den man gerade verpasst hat, 246 Km weiter westlich im City West fährt. Nach einer halben Woche Fussmarsches: Ach nein, es fährt da gar nix, zum Eigerplatz geht’s ab Monbijou und nach Monbijou muss man GEHEN. Ich GEHE ja GERNE. Zwei ältere Leutchen am Loebegge machten aber schauderhaft lange Gesichter, als ihnen ein Overalltöggel von Bernmobil eröffnete: „bis Mooonbischu müesst der louffe!“ - ein tief befriedigendes Gefühl für jemanden mit leicht sadistischen Zügen, wenn er freundlich, aber mit Nachdruck verkünden kann, dass bis Monbijou die Wanderschuhe das probateste Fortbewegunsmittel sind.

Für Masochisten gibt es die Amerikaner: Man lässt sich auf eine leidensvolle Zeit ein, wenn man auf der Strasse mit „do you speak English?“ angesprochen wird, diese Frage aus einer Vierergruppe von Amerikanerinnen, zwischen 18 und 50 Jahren, kommt, und man diese Frage mit „Yes“ beantwortet. So wie ich, DvD (Depp vom Dienst). Ich muss erklären, wie man von unsrigem Standort Effingerstrasse zügig zu Old Town, Altstadt, kommt. Und das während des Umbaus. Die älteste Dame streckt mir ihren Stadtplan unter die Nase, es ist einer von denen, wo alle Häuschen einzeln von Hand aufgemalt sind. Touristenplan. Touristenpack! Leider müssen auch Amis momentan zu Fuss gehen, öV gibt’s nicht! Ich lächle zuvorkommend und zugleich abgrundtief böse. Dann zeige ich auf dem Plan den Weg, doch Madamm hat noch nie einen solchen richtig benützt und tscheggt nüt. Sie kann ihn nicht mal richtig halten. Ginge es nach ihr, zeigte die Effingerstrasse bolzengerade Nord-Süd. So kommt’s raus, wenn Amerikaner Demokratie in fremde Kulturen exportieren wollen. Dann wollen sie wissen, was sie alles tun sollen, „we have one day and one night“. Toll, wie könnte es anders sein. Sie haben schon von the bears gehört, also ab zum Bäregrabe. Rose Garden gäbe es doch auch, jaja, da seht ihr unsere Tobleronealpen und to eat gäbe es dort auch. Und sonst? Gopf, spaziert durch die Altstadt, alles ist schön an don’t miss the Münster cathedral. Yeah, ok, I have another question. Langsam gehe ich mir auf den Sack. Warum zum Himmel musste ich rausproleten, dass ich Englisch kann? Hier kommt also die nächste Strafe: Was gibt es sonst noch „out of town“ zu sehen? Mein Hirn rattert ratlos, out of town geht bei mir unter Zollikofen-Ittigen-Ostermundigen-Belp-Wabern-Köniz. Da gibt es nichts zu sehen. Die Lady ist hilfsbereit: „Interlaken! Should we go to Interlaken?“ Ja, göht uf Interlake. And Grindelwald, Gstaad, Jungfraujoch. Sie wollen von Interlaken nach Luzern. Hahaha! Take the Brünigbahn und habet ewig, bis ihr in Luzern seid. Ich hatte genug und verwies die four chicks an das Tourist Office im Bahnhof, die haben dort sicher Freude an amerikanischen Touristinnen, IQ-unabhängig, and will love to work out a nice tour through Bern for you.

Mein Kollege, der mit mir unterwegs war, schlauer als ich sich hinter seinem Sandwich versteckt hatte, grinste mich überlegen an. Ich zog verstört von dannen.

Wir nennen die Ortschaft schlicht Hinter Tägertschi, oder Vor Schüpfheim, einfach weil sie sich zwischendrin befindet. Dort trutzt an einem Hang bei der Hauptstrasse Richtung Gaggoland eine Gastwirtschaft helvetischen Schlages. Nennen wir sie „zum Rössli“, geradesogut auch „Sternen“ oder „Traube“. Die Einrichtung ist… helvetisch. Täfer an der Wand. Holztische und Stühle gleichen Materials, verwaschene Tischüberwürfe von grober Machart, kariert. Eine Gedenktafel des lokalen Jodlerklubs, der auch schon 95 Jahre die Stimmbänder seiner Mitglieder strapaziert. Weil ich Teil einer grösseren Gesellschaft bin, habe ich die Ehre, im von der Gaststube abgetrennten Säli mich zu platzen. Welche Glückspilze sind wir, ist die Beiz unerklärlich leer an diesem Sonntagabend, wir haben unangemeldet und unreserviert Platz. Das Säli ist ein innenarchitektonisches Bijou der 70er Jahre, natürlich so belassen wie damals. Also eine spezielle Erwähnung wert. Vergilbter Spannteppich, Dunkler Täfer an der Decke. Wieder das grobe Tischtuch, aber in weiss. In der hinteren Ecke krümelt eine Vitrine mit Weingläsern drin vor sich hin, ein paar müde Blumentöpfe auf dem Tisch machen die Atmosphäre noch erdrückender. Die Beleuchtung lädt zum hurtigen Verlassen des Raumes ein. Wir bleiben dennoch, mangels Alternativen, und bestellen, was uns zur Bedienung bringt.

Die Bedienung ist… helvetisch. Man schämt sich, wagt sich beinahe nicht, etwas anderes zu bestellen als eine Stange, weil die Servier(tochter ist sie schon lange nicht mehr, eher Mutter oder drüber, ich finde passend: Flueh. Die Frou isch e Flueh. Mit Stierennacken und tödlichem Blick) dann nicht einen weiteren Strich hinter das Wort Stange auf dem Bestellzettel malen kann, sondern neu Riv. Rot kritzeln muss. Ein zusätzlicher Aufwand zu später Stunde, kaum zu rechtfertigen. Da will dann noch einer Riv. Blau, der Skandal ist perfekt. Wahrscheinlich darf man am Schluss gar nicht in Geld bezahlen, sondern muss seinen Frevel am Geschirrtrog morgens um 2 abarbeiten. Einige besonders Verwegene entschliessen sich, nicht nur die Dessertkarte zu konsultieren, sondern daraus auch noch eine Order aufzugeben. Doch sie werden gerecht bestraft: „I hätt gärn e Coupe Alice“ – „e Coupe WAS weit dr???!?!??!?!?!?“ Sollte man verbieten, die Coupe Alice, ein Schandfleck auf der erlesenen Dessertkarte des RössliTraubeSternen. Finde ich doch auch.

Eine zweite Schönheit, Nichte des Ötzi wohl, bringt weitere Getränke. Wir sind bass erstaunt, wir werden nicht zusammengestaucht für unsere Anwesenheit, unser Geborenwordensein und unseren Durst, nein, gar nichts. Die stumme Schönheit. Vor 5′300 Jahren war sie schön.

Ein bisschen schöneres Wetter gibts dann aber doch noch bei unserer Mätresse, als sie den Schoggi-Caramel-Chopf eines Tischnachbars mit Orangenbenzin flambieren darf. Vielleicht aus dem Grund, dass sie sich mutmasslich während des Flambiervorganges vorstellte, nicht ein zuckeriges Dessert zu flambieren, wohl aber den Kopf des Kunden, der das Ding bestellt hatte.

 Ich stelle mir auch so einiges vor und entschliesse mich, zu zahlen. Und siehe da, Madamm akzeptiert Cash und ich kann noch vor Mitternacht und ohne einen Teller abgewaschen zu haben, obwohl ich der Übeltäter mit der Rivella Rot war, das Lokal verlassen.

Bauernregeln

6. Juni, 2007

Es kann selten, aber doch manchmal vorkommen, dass man kramgassaufwärts in eine Diskussion über die Vorzüge des Stadt- bzw. Landlebens verwickelt wird. Meine Diskussionspartnerin vertrat die Landseite, ich die Stadt. Ich machte die Dame zur Landseite, ehrlich gesagt. Sie fühlt sich im beginnenden Ämmital wohl noch nicht genügend versorgt. Ich mich selber, 7 Minuten vom Stadtzentrum in Suburbia von Bern schon weidlich weit weg. Ich war der Meinung, aufs Land ziehen könne man zum Sterben, das halte man ja sonst nicht aus. Ich hätte ja keine Ahnung vom Landleben, konterte die andere Diskussionshälfte, ein urbaniesiertes Stastbubi wie ich sei.
Da musste ich den sich anbahnenden Unverschämtheiten Einhalt gebieten, und demonstrieren, dass ich sehr wohl wisse, dass die Milch nicht aus der Steckdose komme. Überhaupt sei ich praktisch auf dem Land aufgewachsen, hätte da einiges gesehen.
Ich bin eben noch mit den Schweinen aufgestanden, äuä de scho.
Ich habe jeweils morgens um 5 die Hühner melken müssen, sonst wären sie geplatzt, so zetermordio haben die gegackert, das kann man sich gar nicht vorstellen, das muss man schon selber einmal erlebt haben.
Und die Kühe: Jeden Morgen von der Stange holen, immer am Abend vorher dem Muneli einschärfen, wann er am nächsten Tag zu krähen habe.
Ich sage euch, ich habe das Bauern im Blut. Wenn ich jemandem zeigen muss, wie man einen frisch gepflügten Acker bschüttet, ich bin zur Stelle. Ich habe das Handwerk vom Kartoffelsähen und Gräsersetzen von Kindesbeinen an gelernt. Niemand setzt die Gräser so treffsicher in die feuchte Erde wie ich, da kann mir nicht mal Lohndumpong etwas anhaben.
Und wenn jemand eine Tanne gefällt haben muss, nur anrufen, mein Gewehr ist stets geladen.

Sigriswil ist schön. Genauer gesagt, die Aussicht auf Thunersee und Niesen von Sigriswil aus ist es. Bei einem Caffee lässt es sich darob trefflich tagträumen und sinnieren, fabulieren und philosophieren. Wäre man Schriftsteller, müsste man glatt in besagtem Dorfe Wohnsitz nehmen, als nächstes flatterte einem eine Einladung nach Stockholm für den Literaturnobelpreis ins Haus.

Wenn man mit einem Stück Zucker spielt, welches man nicht im Caffee verrühren und auflösen wollte, weil es das Getränk zu arg gesüsst hätte – man erhält ja unseligerweise immer zwei ganze Würfelzucker zu einer Tasse Kaffe, obwohl man meistens keins oder höchstens eines braucht, also bleibt immer ein Würfel übrig – kommt man unweigerlich auf die Idee, dass man mit einem solchen Zuckerstückchen noch ganz andere Dinge anstellen könnte, als nur den Geschmack eines Getränkes zu beeinflussen. Man könnte zum Beispiel die Unausweichlichkeit von Schicksalsschlägen demonstrieren. Induziert durch einen Anflug geistiger Verblödung, lädt man einen Zuckerwürfel auf den eigentlich zum Umrühren von Kaffee bestimmten Kaffeelöffel (aber wie der geneigte Leser sofort feststellt, kann man mit einem Kaffeelöffel noch ganz andere Dinge anstellen, als nur den Kaffee und den darin aufzulösenden Zucker umrühren. Man kann zum Beispiel die Unausweichlichkeit… Ich wiederhole mich?). Man sendet alsdann diesen Würfel hoch in die Luft, den Löffel gleichsam als Katapult verwendend. So kann es sich ergeben, wenn man dies auf der Restaurantterrasse tut, die an die Dorfstrasse grenzt, dass der fliegende Zucker einen unbescholtenen Töfflifahrer ins Auge trifft (im Berner Oberland trägt niemand einen Helm auf dem Töffli). Grausam erschreckt, verliert der Töffler seine Balance, gerät ins Schlingern und freest mit seinem Hot Rod in den nächsten Gartenzaun. Der vollgetankte Töff kippt um und explodiert spektakulär unter Produktion eines meterhohen Feuerpilzes. Die Wucht der Explosion lässt einen nahen Strommasten umkippen. Dieser zieht die Drähte mit sich und landet auf dem Dach eines Chalets (nota bene aus Holz). Das Holzschindeldach entzündet sich sofort und ein vom Wind angetriebenes Feuer verbreitet sich lodernd auf dem Dach…

Oder so: Man sendet diesen Würfel hoch in die Luft, er verfehlt nur knapp einen nicht behelmten Töfflifahrer, da dieser sich Sekunden zuvor zwecks Juckreizbeseitigung kratzen musste und dadurch einen kleiner Schwenker machte. Allerdings betätigt die kurz zuvor auf die Dorfstrasse eingebogene Ambulanz hinter dem Töfflifahrer genau in diesem Moment  die Sirene, um ihn ihres Nahens aufmerksam zu machen. Nicht nur aufmerksam gemacht, sondern so etwas von aufmerksam gemacht, nämlich grausam erschreckt, verliert der Töffler seine Balance, gerät ins Schlingern und freest mit seinem Hot Rod in den nächsten Gartenzaun. Der vollgetankte Töff kippt um und explodiert spektakulär unter Produktion eines meterhohen Feuerpilzes. Die Wucht der Explosion lässt einen nahen Strommasten umkippen. Dieser zieht die Drähte mit sich und landet…

 Weiterzuführen ad libitum.

Oder man bezahlt und geht, bevor man mit Zucker zu spielen beginnt.

Es isch eso u fertig.