…donc, je parle français.
30. April, 2007
Im Berner Jura, da geht der Röstigraben durch, dass es nur so tätscht. Zäggpumm, eine andere Welt, man staunt. Das Ganze beginnt schon ein wenig früher, wo alles noch germanisiert ist, bei der Autobahnausfahrt Lyss-Nord Richtung Biel/Bienne. Weil das Richtung Romandie führt, hat man sich die Autobahn gespart und der Automobilist muss den letzten Katzensprung auf einer Autostrasse zurücklegen, bis er in Rolextown einfährt. Ein Erlebnis sondergleichen, diese Autostrasse, trifft man diesen Zwitter (100 Km/h, einspurig mit Mittelleitplanke) zwischen Autobahn (120 Km/h, mit Mittelleitplanke) und Überlandstrasse (60-80 Km/h, ohne Mittelleitplanke) nur noch selten an in der Schweiz. Findig wird man an vergessenen Orten, so zum Beispiel eben im Niemandsland zwischen Lyss und Biel. Und Biel ist ja auch nicht viel mehr, auf eine Umfahrung wird verzichtet, die Stadt muss als Durchfahrt herhalten. Leicht kommt gewissen Hornisten der Gedanke auf: „Biel sött me eifach planiere“. JA, es war geng Rot und es hatte schampaar viele Ampeln in diesem Biel. Hat man den Moloch hinter sich, cruist man auf der Seepromenade dem Lac entlang, es begegnen einem pittoreske Dörfchen mit ulkigen Namen, wie sie sie in bilinguen Regionen so zu haben pflegen (siehe auch Elsass).
Bei Twann geht es Kräsch nach Lamboing herauf, „minnndeschtens 100% Stigig“, hat der Moser gesagt. In einem röhrenden Golf auf mehr als 4′000 Touren kommt einem das wahrscheinlich so vor. Ich musste mich auf jeden Fall concentrer sur la route. Mich beschlich allerdings ein Dürrenmatt’sches Gefühl. Schliesslich ist auf genau dieser Strasse am Morgen des 3. November 1948 der gute Ulrich Tschanz vom Dorfpolizisten Alphons Clenin gefunden worden. Erschossen in seinem Mercedes. Ich hab’s nachgeschaut. Weiterlesen im Richter und sein Henker.
Von Lamboing kommt man nach Prêles, also eigentlich nirgendwohin. Dieses Kaff ist tote Hose. Nur ein gewisses Variaton Projektorchester hatte sich dorthin verirrt und heizte mal tüchtig ein. Die Prêler Jugend wusste in ihrem nächtlichen Bierrausch nicht, wie ihr geschah, und übernachtete stockbesoffen auf dem Bänkli vor dem Bieler Ferienheim und temporären Domizil des Orchesters. Denn so etwas geschieht hier nicht alle Tage. Was allerdings alle Tage geschieht, sind rasende Jugendliche (nein, sie haben keinen Anfall von Wahnsinn). Sie blochen mit ihren gepimpten VW Corrados und Sciroccos auf dem Tessenberg rum. Die Strassen sind schmal, die Bullen rar und das Leben beschissen.
Für die ganz Beschissenen hats hinter Prêles eine herrschaftliche Anlage, idyllisch gelegen, was sich auf Deutsch ganz harmlos „Jugendheim“ nennt. Sucht man, schlecht ortskundig, nach dem Lagerhaus fürs Variaton, fährt man doch mal hin. Die Bewohner sehen aber alles andere als variatönend aus, sondern nach viel Erziehungsbedarf. Deshalb heisst das Zeug auf Franz „Foyer d’éducation“, da wird’s plötzlich klar und man verduftet lieber, froh, ein Auto unterm Fudi zu haben, wenns auch nur ein Golf ist. Das war nämlich ein Erziehungsheim. Und wer dort drin ist, hat wahrscheinlich andere Sorgen als Intonationsprobleme bei Ravels „Ma Mère l’Oye“.
Auch das gehört zum Kanton Bern, vergessen wir das nicht.
Ich gehe wieder mal nach Prêles. Schon nur wegen der Aussicht auf den Bielersee von der Bergastation des ViniFuni Ligerz (Gléresse)-Prêles.