Jean Nouvel und die Damen
21. April, 2007
Design und Funktionalität, die beiden mögen sich wie Leuenberger und Blocher. Dies hat sich wieder einmal allegorisch in den Personen des Jean Nouvel und der anonymen Hausfrau manifestiert. Es ging ums KKL am Vierwaldstättersee. Ich hatte die Gelegenheit, einmal statt eines anlässlich Konzerts dieses wunderschöne Gebäude in einer geführten Gruppe zu betreten. Als wir die seit einer Woche frisch eröffnete Lounge im 2. Stock bestaunen durften, pries die Führerin die wunderbare Aussicht auf den See und die Uferpromenade mit den klassischen Hotelkästen.
Einigen Besucherinnen fiel sofort auf, dass die belle vue durch ein ausserhalb der Fenster angebrachten Gitterfront getrübt werde. Ob dieses „Gerüst“ doch hoffentlich noch entfernt werde, erkundigte man sich. Die Wissbegierigen waren Damen anfangs Pensionsalter, und sie zeigten sich in Genugtuung, eine offensichtliche Unzulänglichkeit im berühmten Designkomplex entlarvt und ans Tageslicht gezerrt zu haben. Sie gaben sich maliziös-naiv und bemerkten rhetorisch, dass dies sicher nicht die Absicht des Architekten sein könne, dieses Gitter bewusst installiert zu haben, man käme sich ja vor und übehaupt. Die Guide versicherte mit einem überlegenen, belächelnden Lächeln, einem Lächeln, das die ganze Welt in die zwei Kategorien Mensch Kenner und Ignorant brutal eintzwei teilte, dass dies sehr wohl zum architektonischen Konzept des französischen Meisters gehöre, diese Gitter seien im Gegenteil ganz deliberat angebracht worden. Sie dozierte über die Dreiklangphilosophie des Baus mit seinen drei Gebäudeteilen, jeder mit seinem eigenen Merkmal (hier das Gitter) und dem alles unter sich vereinenden, den Bogen spannenden Reflexionsdach.
Mich vermochte sie mit ihren Ausführungen sofort einzuseifen, ich werde mich nächsten Montag unverzüglich mit meinem Architekten in Verbindung setzen und veranlassen, dass unser gesamtes Haus eingegittert werde. Die kritischen Damen allerdings wurden kampfeslustig und blieben bockig uneinischtig: Ja wie in Gottes Namen allerhand anderem soll man denn die Fenster VON AUSSEN putzen können? Das sind ja tonnenschwere Gitter, so nah an den Fenstern, und ja, schau, die kann man nicht mal alle öffnen, wie geht denn das, das geht doch nicht. So hühnerten die putzversierten Mammis einander im Fugato den Sieg zu. Kein künstlerischer Wert kann der putztechnischen Funktionalität standhalten. Kein künstlerisches Konzept hat seine Rechtfertigung, wenn es sich nicht reinigen lässt. Aber die Führerin liess das kalt und Herr Nouvel war auch nicht da. Ich dachte, mich kickt ein Pferd und beschloss, Meister Proper zu boykottieren. Ich hatte nämlich vollständig vergessen, mir damals am 31. Januar 2006 gute Vorsätze fürs ’07 zu fassen. Jetzt habe ich noch einen gefunden, den ich für den Rest des Jahres mit aller Gründlichkeit einzuhalten gedenke.