Bünzliblatt und Pornogesellschaft
18. März, 2007
Vor auf den Tag genau 5 Jahren hat die Sonntagsausgabe der NZZ den siebten Tag der Woche von mehr als 450′000 Leserinnen und Lesern nachhaltig verändert. Dazu gehöre auch ich. Und nachhaltig wars allerdings: Fühlte man 5 Jahre v. NZZ am Sonntag nicht jeweils eine gewisse Leere im Bauch, wenn am Morgen mal keine Zeitung im Briefkasten lag? Es ist eben nicht dasselbe, wenn man die fette NZZ-Samstag/Sonntagsausgabe hervorkramt und die Artikel sucht, die man gestern noch nicht gelesen hat. Es sind nämlich diejenigen, die man sich lieber am Nachmittag oder am Abend zu Gemüte führt, weil sie als Beilage zu Züpfe und Schwarztee doch ein wenig währschaft sind. die Zeitfragen zum Beispiel. Brillanter Journalismus, aber anstrengend. Was für eine Wohltat nun, am Sonntagmorgen in eine farbig und grosszügig bebilderte Zeitung blicken zu können! Man muss gar nichts lesen, nur Bildli luege, so wie ich es jeden Morgen unter der Woche mit dem „Bund“ mache. Die NZZ lese ich am Abend, denn die ist wirklich zum Lesen da, der Bund fürs Pittoreske. So auch die NZZ am Sonntag. Eher ein Käsblatt unter den Intelligenzblättern der Schweiz. Mein ehemaliger Deutschlehrer meinte dazu mal verächtlich, wenn die NZZ am Sonntag die neue Intellektuellenzeitung der Schweiz sei, dann guet Nacht am Sächsi, wobei er guet Nacht am Sächsi sicher nicht gesagt hat, denn er ist ein Deutscher und die Mundart ist ihm auch nach Jahrzehnten seiner Sesshaftigkeit in der Schweiz immer noch suspekt. Doch das ist eine andere Geschichte. Zurück zur NZZ. Ich habe das Gefühl, dass sich alle mediokren bis mittelmässigen (denn diese Zeitung ist einfach nur mittelmässig, nichts anderes) Journalisten der „richtigen“ NZZ, bei der sie nie zur Geltung kommen konnten, zusammengetan haben, sich konspiriert haben, richtiggehend verschwört, um den Schweizer Individualisten, oberen Mittelstandslifestyler, nouveau Bünzli mit einem zeitgemässen Bünzliblatt zu bedienen. Schon nur die“STIL“-Beilage provoziert ein gastroenterisches Rumpeln in meinem Bauch (ich muss gleich kotzen), so peinlich ist das. Der einzig witzige und lesenswerte Teil ist „Gesellschaft“, eine schriftliche glanz&gloria-Ausgabe. Die Verfasser versuchen den Eindruck zu vermitteln, sie stünden über dem ganzen Promisumpf und könnten demnach mit distanzierter Überlegenheit dem Leser die Unzulänglichkeiten dieser Gesellschaftsschicht (dabei gehören Promis meiner Meinung nach gar nicht mehr zur Gesellschaft, doch dazu schreibe ich mehr, wenn ich Baudrillard gelesen habe) vorführen. Die lieben Journalisten dieser Beiträge merken leider nicht, dass sie aber dadurch schon Opfer des Promiwahns geworden sind. Amüsiert ist man am Schluss nicht über VIPs, sondern über den armen Schreibtischtäter. Aber heute war ein guter Artikel drin: Eine deutsche Schriftstellerin, Ariadne von Schirach, 28-jährig, hat ein Buch (der Tanz um die Lust) geschrieben, in dem sie sich mit der heutigen Porno-Gesellschaft beschäftigt. Sie führt einem das Beziehungsleben junger, urbaner Menschen vor. Sie ist einer davon und ich auch. Das finde ich spannend, am Schluss wohl über sie und mich selbst gleichzeitig zu lesen. Erzählt wird von „jungen aufgestylten Narzisstinnen, die ungefickt nach Hause gehen“, oder von jungen, klugen Männern, die „einsam vor dem Computer masturbieren“. Über die Kluft zwischen Pose und Realität, perverse Hip-Hop-Lieder, junge Mädchen, die sich zum Sexobjekt machen und Buben, die als Zuhälter auftreten. Von metrosexuellen Narzissten, die wie die Frauen unnahbar an Bars herumstehen und gut aussehen, und sich damit an den Frauen rächen. Und am Ende liegt jeder alleine im Bett. Ich werde mir dieses Buch kaufen und lesen und dann meinen Senf dazugeben. Grund genug, eine neue Blog-Kategorie einzuführen: Buchbesprechung oder so. Richtig intellektuell eben.
18. März, 2007 um 10:51
Als Blogger machst du dich nicht schlecht mein lieber Fey, da ziehe ich erst mal mein NY-Yankees-Baseball-Cap vor dir (oder das würde ich tun, wenn ich eins hätte, denn wer trägt heutzutage noch Hüte?). Ich denke aber (Denken, eine seltheit hat man beinahe das Gefühl), dass du mit deinem letzten Beitrag einigen das Gefühl nimmst intelektuell zu sein, denn Zeitung lesen, vor allem die NZZ, das tun doch die Intellektuellen? Oder habe ich sie jetzt immer umsonst gelesen und ich bin gar nicht intellektuell? ;p
19. März, 2007 um 4:14
@Rubi: Natürlich biste intellektuell, wenn du die WOCHENAUSGABE DER NZZ liest,die ist saugut die WEEKENDAUSGABE finde ich nicht sooo überragend.
19. März, 2007 um 4:17
Ach, und ich dachte: „Houptsach es steit NZZ druf!“
Am Wochenende lese ich immer den Sonntags Blick… ^^
21. März, 2007 um 12:55
i bi deschperat bis vrzwiiflet (dr ufmerksam kommentarläser merkt: das isch e aaschpilig uf di feyschi formuliereig „mediokr bis mittumässig“), wüu: du siech bisch dr dütsche schprach fasch so mächtig wien ig (widerum wird vo de ufmerksamschte bemerkt worde sii, dass hie ä dialäktale genitiv vorligt, wome doch bitte söu gniesse, denn das isch e rari bis säuteni erschiinig). mach witr so, de hani paar ungrhautsami läseviertuschtunde uf sichr.
guetn8
21. März, 2007 um 2:56
@ nd: ohoo! rotanlauf und sich geehrt fühlen! ich bin ganz hin. und am chrampfen, dass ich noch besser werde als du. kann ich aber nur, wenn ich mal was zu lesen bekomme von dir, wie wäre das, hmm?
21. März, 2007 um 4:13
sorry, aber ich bin mir da nicht so sicher, dass der genitiv im dialekt derart selten sein soll. bsp: tömus velo isch klauet worde; sämus geburi isch ersch ire wuche, u.s.w.
zumindest der possessive genitiv in verbindung mit eigennamen ist absolut üblich.
21. März, 2007 um 10:11
matter isch dr dütsche (dialäkt-)schprach no mächtigr, mächtigr aus aui angere, matter isch GOtt…
obwou IG gersönlech ja immr sägä: am tömu / am sämu / am bush sis velo odr sis schnäbi isch z chly odr so. abr egau. dis argumänt chame scho la zeue.
2. April, 2007 um 9:34
[...] Der geneigte Leser fragt sich sicher, was. Zum ensoleilment verlinke ich ihn auf einen meiner früheren Einträge, wo ich angekündigt hatte, ein Buch zu kaufen, das in der NZZ am Sonntag besprochen worden war. [...]